Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Ein Wort über Achad Haam
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 399 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Wort über Achad Haam 399 Observanz als eine vornehmlich politische und demokratische Zeitströmung war ihm in tiefster Seele zuwider, mußte ihm zuwider sein, ihm, dem Mann mit den aristokratischen Allüren, der von Politik und Demokratie nichts Gutes und Erfreuliches erwartete. Dies erschien als eine Anmaßung, die allen demokratischen Traditionen ins Gesicht schlug. Eine abstrakte Idee zum Ausgangspunkt nehmen — damit konnte man sich schließlich aussöhnen; aber diese Idee allen Ernstes verwirklichen wollen — dies war schon ein ketzerisches Beginnen, das die Grundpfeiler der demokratischen Religion zu erschüttern drohte, und dies konnten ihm deren treue Anhänger nicht verzeihen. Achad Haam wurde zum Gespenst für alle demokratisch gesinnten Elemente der jüdischen Intelligenz. Diese kurze, leicht hingeworfene Skizze soll ganz gewiß keinen Anspruch erheben, die ganze Bedeutung Achad Haams für das gesellschaftliche Leben eines gewissen Teiles der westlichen Judenheit in den letzten Dezennien auch nur annäherndermaßen zum Ausdruck zu bringen. Nur einen Aspekt der geistigen Physiognomie Achad Haams wollten wir beleuchten, nur einen Moment seiner publizistischen Tätigkeit hervorheben. Wir müssen gestehen: dieser Aspekt flößt Achtung ein; dieser Moment zwingt Anerkennung ab. Allein der ganzen Haltung des Mannes liegt eine falsche Tendenz zugrunde. Ein Gespenst ist er für uns ganz gewiß nicht. Für uns ist es einfach ein Mensch, der sich seine Aufgabe leicht machte. Es ist nicht schwer, eine isolierte Höhe zu besteigen, um von dort aus die lärmende Nichtigkeit des Alltags zu ignorieren und verschmähen; wohl aber ist es schwer, sein Zelt mitten im Gewühle des Marktes aufzuschlagen und dabei den ganzen Ernst und die Echtheit seiner Gesinnung zu bewahren. Imperative und Forderungen behalten nur dann ihren vollen Wert, wenn sie an konkrete Anhaltspunkte geknüpft werden, nicht aber, wenn sie in einem leeren Räume erschallen. Und einen solchen leeren Raum hat Achad Haam um sich geschaffen, indem er sein Herz den Nöten und Bedürfnissen seiner nächsten Umgebung verschloß, und indem er das Augenmerk ausschließlich auf einen Punkt gerichtet wissen wollte, der einmal vielleicht zentrale Bedeutung gewinnen könnte, der aber vorderhand, unter den gegebenen Umständen, diese Bedeutung nicht hatte und nicht haben konnte. Daß er für die Selbständigkeit der geistigen Kultur eintrat und nicht alles Heil von der ökonomischen Entwicklung allein erwartete, darin hatte er vollständig recht. Ganz im Unrecht aber war er, wenn er meinte, die nationale Selbständigkeit treibhausartig kultivieren zu können. Die Seele ist nicht der Leib, und die kulturelle Struktur eines Volkes nicht seine Ökonomik, aber ebensowenig wie sich die Seele vom Leibe abtrennen läßt, ebensowenig läßt sich eine Kultur ohne intimen Zusammenhang mit ihrem wirtschaftlichen Gerippe konstruieren und behandeln. Auch wir sind für den Dualismus von Kultur und Ökonomik, aber wir verstehen diesen Dualismus als eine Zweiheit von Momenten in einer konkret gegebenen Einheit, und wir meinen, daß schließlich jeder echte Dualismus in diesem Sinne zu verstehen ist. Was Achad Haam predigt, ist kein Dualismus, keine Zweiheit mehr, sondern eine förmliche Entzweiung. Berlin R. Seligmann