Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Der Kämpfer
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 395 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kämpfer 395 generweise auf das Ihrige. Die Gesellschaft ist ihr Schlachtfeld, ihre Kampftribüne. Einige von ihnen — die dem Geist des Zeitalters entsprechen — erklimmen die Tribüne, ergreifen das zentrale Bewußtsein der Gesellschaft und siegen; die anderen steigen hinab und sinken unter die Schwelle des Bewußtseins. Aber auch bei ihrem Sinken werden sie nicht ganz besiegt; solange in ihnen noch Lebenssaft bleibt, solange sie nicht bis in die Knochen vermodert sind, warten sie in ihrem Versteck, bis ihre Zeit gekommen ist, und manchmal brechen sie heimlich unter ihren siegesfrohen Genossinnen hervor. Diese Geschichtsauffassung — die uns an die psychologische Konstruktion Her bar ts erinnert — läßt historische Irrtümer und „historische Vorsicht" zu. „Zuweilen geschieht es, daß kluge Männer, die das Werdende sehen, es zu früh sehen und allen offen den Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf irgend einem Gebiet des Lebens aufzeigen, bevor es noch der Gegenwart gelungen ist, heimlich die Kraft der Vergangenheit zu schwächen. Solche Männer decken das Geheimnis auf, weil sie nicht verstehen, was die Sache, für die sie kämpfen, von ihnen fordert. Sonst würden sie sich um ihres Zieles willen bemühen, die Zeit des offenen Zusammenstoßes hinauszuziehen, bis die Gegenwart ihr Werk heimlich vollendet hat..." Auch unsere großen Vorkämpfer der Emanzipation zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hätten sich mit Geduld wappnen und mit ihren Gleichberechtigungsforderungen warten sollen, bis die Gegenwart imstande gewesen wäre, die Vergangenheit ganz zu untergraben ... Als ob eine ganze Gemeinschaft, die in den Ghettomauern erstickt wird und nach einem neuen Leben strebt, warten könnte! . . . Ein Mann von solcher Anschauung, nach der die ursprünglichen Beweggründe in der Geschichte die Ideen sind (eine Anschauung, die nicht aus seinen erworbenen Kenntnissen, sondern aus der Tiefe seiner originalen Individualität fließt), v/ird in seinen Urteilen über die Erscheinungen des Lebens die Qualität der Quantität vorziehen. Er wird dazu neigen, zwischen dem Kulturleben und dem ökonomischen Leben, zwischen der Judentumsfrage und der Judenfrage eine Trennung zu machen; er wird zu dem Urteil gelangen, daß eine Musterschule in Palästina mindestens zehn Kolonien aufwiegt; er wird seinen Blick konzentrieren auf „einen Punkt im Zentrum, der die Seele darstellt, die allen Punkten der Peripherie Leben spendet*'; er wird „das eine Prozent suchen und in ihm die Antwort auf die Frage der Existenz des Ganzen erblicken und nicht in den übrigen Teilen der jüdischen Masse". Eine Persönlichkeit wie Achad Haam, die auf alle Erscheinungen des Lebens von der Höhe des universellen Blickes sieht, wird nicht zu Kompromissen, aber auch nicht zu politischen Umwälzungen geneigt sein. Das Historische füllt Achad Haam ganz aus, beengt seinen Geistesflug und läßt ihn zu der Stunde, da er in Gegenwart und Zukunft vertieft ist, nicht die Vergangenheit vergessen. Die Lehre der Propheten und die Lehre der Evolution sind das Licht seines Lebens, die Grundlage seiner Weltbetrachtung; der einen gehören seine Gefühle, der anderen seine Gedanken. Diese zwei Lehren — die statische Kraft der ersten und die dynamische der zweiten — kamen in seiner Lebensanschauung zu keinem vollkommenen Gleichgewicht und daher stammen alle Widersprüche und Gegensätzlichkeiten in seinen Aufsätzen. Aber das gleiche Moment in beiden Lehren ist, daß sie beide radikalen Änderungen abhold sind. Er sieht in der Zukunft die Fortsetzung der Vergangenheit mit veränderten Nuancen, aber unter Beibehaltung des Grundcharakters. Und wenn in. den Zeiten der Propheten der Herr der Heerscharen sagte: „Nicht mit Heeresmacht und nicht mit Gewalt, sondern durch meinen Geist", so wird dies auch für die Zu-