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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 394

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Der Kämpfer
Date
1916-09-01
Page
394 (sequence 1)
Language
German
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394 Salomon Schiller: DER KÄMPFER*) AchadHaam gehört nicht zu den „Gelehrsamen" und nicht zu denöffentlich wirkenden. Er ist ein Schriftsteller und Kämpfer, in dessen großer Seele alle Lebenszukkungen seiner Generation starken Widerhall finden und seinen Willenzur Taterwecken; aber er wird nicht von ihnen mitgerissen und geht nicht in ihnen auf. Er beherrscht den Augenblick und nicht der Augenblick ihn. Alle Ereignisse, die sich in der jüdischen Welt abspielen, wägt er ab: auf die eine Wagschale legt er sie, auf die andere seine Weltanschauung, um zu prüfen, ob sie sich das Gleichgewicht halten. Achad Haam ist der einzige Weise unter uns, dessen Lehre zur Tat führt. Er ist ganz den brennenden Fragen seiner Zeit zugewandt, steht mitten in ihnen und kämpft für sie, aber er betrachtet sie sub specie aeternitatis. Diese Eigenart führt dazu, daß alle Probleme, mit denen er sich befaßte, und alle Aufsätze, die aus seiner Feder kamen, eine eigenartige Erhabenheit und einen bezaubernden Adel ausstrahlen, ohne das geringste an Kraft und Wucht des Lebens einzubüßen. Die Welt Achad Haams ist erhaben, aber an Umfang beschränkt. Seine Weltbetrachtung ist die historische; der Zeitsinn ist in ihm sehr entwickelt. Seine Seele empfängt die Eindrücke der Erscheinungen des sozialen Lebens, seiner Wandlungen und Verwandlungen, seiner Ursachen und Wirkungen. Es bereitet ihm geistigen Genuß, die einander ablösenden Ereignisse in das Netz eines Systems einzufangen. Er ist mit einem wundersamen architektonischen Instinkt begnadet und seine literarischen Schöpfungen haben oft die Schönheit eines Bauwerkes. Aber die Konstruktion beeinträchtigt zuweilen die Korrektheit und der begriffliche Rahmen ist manchmal zu eng für die Fülle der Lebenserscheinungen. In den geschichtlichen Phänomenen und im sozialen Leben sieht Achad Haam die Herrschaft der Ideen (im weiten Sinne Descartes* und Spinozas, nach denen sie sowohl das Gefühl als auch den Willen umfassen), ihre Bewegung und ihren gegenseitigen Kampf. Die ganze Geschichte ist ihm im Grunde nichts anderes als die andauernde Hypostase von Ideen. Der Geist beherrscht die Materie und unterwirft sie seinem Willen. Die Ideen erscheinen ihm gleichsam aus sich selbst emporwachsend und von eigenen Wurzeln sich nährend (diesen Eindruck machen alle Aufsätze Achad Haams auf uns, wenn er auch manchmal nebenbei auf die ökonomischen und politischen Bedürfnisse hinweist, ohne auf die Art ihrer Wirkung auf die Ideen näher einzugehen, — was beweist, daß dies seiner Neigung und Geistesrichtung nicht entspricht), luftige Gebilde ohne Erdenschwere; erst ihr Auftauchen in der großen Welt und ihr Einfluß auf die Gesellschaft vollzieht sich durch auserlesene Individuen und auserlesene Gemeinschaften, die die Mission, ihnen zu dienen und in ihrem Heiligtum als Priester zu fungieren, auf sich genommen haben. Die Weltanschauung Achad Haams ist auf einer individuellen Ideologie aufgebaut. Daher auch der geistige Aristokratismus, den man ihm mit Recht zuschreibt. Die Ideen sind verschiedenartig: positive und negative (diese scheiden sich in negative, die Positives zur Folge haben, und in absolut negative), vorzeitige und verspätete, solche die in der Vergangenheit und solche die in der Gegenwart wurzeln. Jede will sich aus den Trümmern der anderen aufbauen und verzichtet nur gezwun- *) Damit in diesem Heft ein Wort aus Palästina nicht fehle, haben wir diesen Aufsatz dem Achad-Haam-Heft des „Haschiloach", der von Achad Haam begründeten, von seinen Schülern fortgesetzten, führenden hebräischen Zeitschrift entnommen. (Anm. d. Red.)

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