Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Der Kämpfer
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 396 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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396 R. Seligmann: kunft gelten. Solange das Volk Israel nicht vollkommen unter dem Himmel verschwunden sein wird, wird die Lehre der Ethik und Gerechtigkeit sein Lebenshauch sein. Diese individuelle Art, die nicht kompromißlerisch und nicht revolutionär ist, ist das Geheimnis der Vereinsamung Achad Haams: sowohl unsere Orthodoxen als unsere Radikalen fanden an ihm nicht Genüge. Er „schreitet seinen eigenen Pfad, hellen Auges und stark, trägt seine glühende Kohle im innersten Innern des Herzens, und hütet den letzten Funken des Elohim ..." Er stellte ein ganzes Geschlecht von Schülern auf. Wir alle lernten von seinen Wahrheiten und seinen „Fehlern", aber eine Partei zu schaffen erlaubte ihm seine eigenartige Persönlichkeit nicht. Achad Haam, dieser machtvolle Kämpfer, der nun schon fast drei Jahrzehnte auf der Wacht steht und als volkstreuer Schriftsteller seine Pflicht tut, ist der einzige seiner Generation, dessen ethische Meinungen und Persönlichkeit wie aus einem Gusse sind. Daher wird alles, was er geschaffen hat, klassischen Wert erlangen und im Pantheon unserer Literatur aufbewahrt werden, ohne seine Bedeutung einzubüßen, gleichgültig ob wir seinen Worten zustimmen oder sie bestreiten, ebenso wie die Schöpfungen unserer Alten nicht von den Meinungswandlungen der Zeiten abhängig sind. Jerusalem Salomon Schiller EIN WORT ÜBER ACHAD HAAM*) Die Problemstellung Achad Haams zeugt von einer großen Präzision im Denken und jener Kühnheit im Ziehen der Konsequenzen, die den wahrheitssuchenden Menschen von jeher charakterisiert. Das Schicksal der Juden und das des Judentums, die Erhaltung und Förderung des Volkes als einer Summe von einzelnen Individuen und die der nationalen Kultur als eines Inbegriffs von Werten, die sich in einer bestimmten geistigen Struktur im Verlaufe von Jahrhunderten kristallisierte — diese beiden Pole einer sozial orientierten Betrachtung, zwischen denen das Denken unserer Intelligenz unschlüssig hin- und herpendelt, standen auch vor dem Blickpunkt des Bewußtseins Achad Haams, aber er verschmähte die neutrale Mitte und wendete sich mit einem entschiedenen Zug dem einen von ihnen —1 der nationalen Kultur zu. Wir können nicht mit Bestimmtheit angeben, was eigentlich Achad Haam über das Wesen der Nation im allgemeinen denken mag; aber wir wissen genau, was er über das Wesen der jüdischen Nationalität denkt: diese ist ihm die Verkörperung einer ganz bestimmten kulturellen Physiognomie, die Trägerin ganz bestimmter, im Verlaufe von Generationen erarbeiteter Prinzipien, die er vielleicht nicht so glücklich und klar zu formulieren vermag, die er aber zweifelsohne so tief wie möglich empfindet. Wenn man diese Grundstimmung versteht, aus der heraus Achad Haam seine Gedankengänge entwickelt, wird man imstande sein, ihn mit der gebührenden Ge- *) Wir bringen diesen Aufsatz als eine Äußerung aus einem Achad Haams Ideologie in einigen Grundfragen bekämpfenden Lager der jüdischen Bewegung. (Anm. d. Red.)