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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 392

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Der Gast
Date
1916-09-01
Page
392 (sequence 3)
Language
German
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392 Jakob Klatzkin: Schweigen zu brechen, vor das Publikum zu treten und sein Wort zu sprechen, zu wecken, zu mahnen, zu warnen —- wenn solch ein Gast eintritt, wissen wir alle sogleich, daß etwas Wichtiges sich begeben hat, das ihn zwingt, zu kommen und seine Meinung öffentlich zu äußern, um etwas Krummes auszugleichen. Wir empfinden die Verantwortlichkeit des Momentes und lauschen andächtig jedem Wort, das er ausspricht. So war jeder Aufsatz von ihm nicht eine Angelegenheit der Literatur allein und eigentlich überhaupt kein „Aufsatz", sondern eine lebendige Tat, ein Eingreifen in die Wirklichkeit, ein Ereignis in unserem Leben. Und so wurde uns Achad Haam gleichsam zum nationalen Gewissen. Wenn er vor das Publikum trat, wußten wir schon, daß wir geirrt und gesündigt hatten, so daß er nicht zu schweigen vermochte und gezwungen war zu kommen und zu predigen: ,,Nicht das ist der Weg!" Seit Jahren hält er sich von der Literatur fern und seine Offenbarungen sind versiegt. Wir sollen es aber nicht beklagen. Sein Schweigen ist für ihn und für uns ein gutes Zeichen: er sieht sich nicht veranlaßt, vor uns hinzutreten, weil seine leitenden Gedanken bereits Gemeingut geworden sind, und sie werden jetzt in verschiedenen Stilarten von anderen wiederholt, nicht bloß von seiner Schule und seinem Anhang, sondern auch von seinen früheren Gegnern. Dieses Nichtmehrschreibenmüssen ist der Lohn Achad Kaams für sein fünfundzwanzigjähriges Schreiben. Ein beachtenswerter Gegensatz: Achad Haam und sein Antagonist, Micha Josef Berdyczewski. Dem einen ist das Schreiben kein Beruf und nicht in seiner Seele verwurzelt, sondern ein Werkzeug zu einem einheitlichen Zweck; er betrachtet sich nur als Gast in der Literatur, befaßt sich mit ihr nur pflichtmäßig und ist zufrieden, wenn es keine Forderung gibt und er frei ist. Der andere aber ist Schriftsteller vom Scheitel bis zur Sohle, das Schreiben ist ihm Seele und Genuß. Und weiter: dem einen ist stets der Inhalt die Hauptsache, der andere aber stellt alles auf die Form. Und doch, es gibt bei uns niemanden, der die literarische Form so geringschätzt wie Berdyczewski und keinen, der in der Schreibweise so sorgfältig ist wie Achad Haam. Es gibt eine Art Künstler, deren Seele viel vom Lebensstoff einsaugt, stark affiziert wird und ihre Eindrücke gut bewahrt, die aber nicht genug Kraft zur Beschaulichkeit hat, um vor der Vielheit des Stoffes standzuhalten, und der die Beobachtungszeit nicht hinreicht, um dem Stoff eine vollkommene Form zu geben, ihn durch klares, ruhiges, freies Schauen zu fassen. So bleibt in den Schöpfungen viel unabgesetzte Hefe, viel nicht geformter Stoff; die Trägheit des Stoffes ist nicht ganz aufgehoben, seine Fessel nicht gesprengt. Noch steht der Künstler ganz oder teilweise im Prozeß des Bildens und in der Gärung des Werdens, noch ist seine Seele von einem nicht hinreichend geläuterten Gemisch von Inhalten beladen. Es entstehen Mißgestalten, Eintagsgeschöpfe und Findlinge, die wie Parasiten vom Organismus losgelöst sind und an ihm kleben; sie haben sich bei der Stoffkonzeption mit eingeschlichen und sind bei der Formgebung nicht ausgeschieden. Da ist ein nicht zur Ruhe gekommenes Pathos, ein Geräusch, das nicht zu Ton ward, ein wirrer Gedanke, der Überrest eines voreiligen Gefühls. Schöpfungen dieser Art, die von einem ungebändigten Stoff geschwellt sind, sind gleichsam mit nicht durchgeistigtem Fleisch belastet und nicht vollkommen ausgebildete Gliederklumpen hängen und

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