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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 391

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Der Gast
Date
1916-09-01
Page
391 (sequence 2)
Language
German
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Der Gast 391 kein Schatten eines Widerspruchs vom ersten Aufsatz bis zum letzten; Worte, die einmal gesagt wurden, haben keine Korrektur mehr erfahren und kein Tüpfelchen ist von ihnen genommen, als ob der Autor selbst über seine Worte, wenn sie einmal in die Welt hinaus gegangen sind, keine Macht mehr habe —■ wo ist hier die Hand des Zufalls? Sind denn Gelegenheits-Äußerungen ohne Lücke und ohne Widerspruch und doch auch ohne nachträgliche Änderung und Verbesserung möglich? Ist es denkbar, daß ein Mensch in verschiedenen Zeiten und für verschiedene Bedürfnisse Stein auf Stein legt, und daß daraus kein Steinhaufen, sondern ein geordnetes, vollkommenes Gebäude wird? Das ist die Wesensart Achad Haams. Nicht im Prozesse des Schreibens wuchs und entfaltete er sich, sondern er war vollkommen ausgeprägt in die Literatur eingetreten, in Lebensgröße, als Persönlichkeit, die reif geworden ist und sich gefunden hat, die in ihren Meinungen fest, in ihren Äußerungen gelassen ist. Als er zu seinem ersten Aufsatz die Feder eingetaucht hatte, war bereits seine ganze Gedankenwelt vor ihm ausgebreitet, die er uns aber nur Spanne um Spanne nach dem Bedürfnis, nicht nach dem Können enthüllte. Er kam nicht, um uns seine Weltanschauung zu offenbaren, sondern um über einige Zeitfragen zu urteilen, wenn er sich dazu verpflichtet fühlte; er urteilte aber über die Zeitfragen nur aus einer geschlossenen Weltanschauung. Er ist nicht Philosoph und es ist nicht seine Art, sich in weite abstrakte Forschungen einzulassen; er ist Publizist und befaßt sich vornehmlich mit den Lebenserscheinungen unseres Volkes, aber jeder vorübergehenden Erscheinung und jeder praktischen Erörterung drückt er das Gepräge einer allgemeinen, festen und einheitlichen Anschauung auf und weicht nicht um Haarbreite von ihr ab. Jede gelegentliche Unterweisung, die er uns nach Bedarf gibt, hat das ewige nationale Leben zum Maßstab. So ist jeder seiner Aufsätze ein Erfordernis der Zeit, an irgendeinen Zufall und irgendein Ereignis gebunden, und zugleich auch ein über das Zeitliche seiner Veranlassung hinaus Bestehendes, das unbeschadet der in unserem Leben vorgehenden Veränderungen seine Gültigkeit behält. Jeder seiner Aufsätze ist eine Sache für sich, und in ihrer Gesamtheit entsprechen sie einander und sind nach einem Mittelpunkte gerichtet; jeder ist gleichsam die Fortsetzung des anderen und vom ersten bis zum letzten bilden sie einen Ring. Die Zufälle und Augenblicksbedürfnisse dienten schließlich unbeabsichtigt nur als Unterlage zur Ausbreitung eines ganzen Systems. Beinahe möchte ich ihm den Titel Schriftsteller absprechen. Das will aber kein Tadel, sondern ein Lob sein. Die Literatur ist nicht sein Beruf, er befaßt sich mit ihr nur notgedrungen; das Schreiben wurzelt nicht in seiner Seele, es ist ihm keine innere Notwendigkeit, es dient ihm bloß als Mittel, als Werkzeug zu einem bestimmten Zweck. Er sagt selbst von sich, er sei „nur wie ein Gast im Tempel des Schrifttums, ein Gast, der ab und zu, um eines bestimmten Zwecks willen, eintritt und der, nachdem er seine Pflicht erfüllt hat, sogleich wieder hinausgeht". Vielleicht ist das eben das Geheimnis seines großen Einflusses. Er schreibt nicht zu seinem Vergnügen und kommt nicht, um sich an literarischen Dingen zu ergötzen und durch schöne Gedanken zu glänzen; schwer ist ihm das Handwerk des Schreibens und unlieb ist ihm die öffentliche Bühne, die gesellschaftliche Betätigung mit ihrem Lärm; lieber ist ihm, abseits zu stehen, zu beobachten, nachzudenken und zu schweigen. Aber es geschieht, daß er es als seine Pflicht ansieht, sein

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