Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Der Gast
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 393 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gast 393 schlenkern nach; es heben sich formlose Massen hervor, die vom Auge des Schöpfers noch nicht beherrscht sind. Ein Künstler dieser Art ist Berdyczewski. Und wieder eine andere Art Künstler gibts, deren Seele in der Beschaulichkeit ruht und befähigt ist, die Form zu schauen, die aber den Inhalt über eine Fülle von Formen ausgießt, die sein Maß überfluten. Ihre Schöpfungen sind blaß, saftlos, blutarm. Sie haben Maß und Rhythmus, haben aber nicht die gehörige Schwere, die Stoff schwere für einen festen Grund. Durch die Formenfülle ist der Stoff erweicht worden. Es gibt in unserer jungen Literatur mehrere Künstler dieser Art. Achad Haam aber, der Gast im Tempel des Schrifttums, besitzt beide Eigenschaften, die zu einer vollkommenen Kunst erforderlich sind. Er hat die Gewalt über den Stoff und erlebt in ihm die Form, allein er wird im Strome der Formen nicht mitgerissen, der Inhalt wird von ihnen nicht verschlungen. Er unterschätzt nicht die Kleinigkeiten und befaßt sich auch mit Details und Exaktheiten, er hat in sich die Andacht zum Kleinen. Er erlöst aber die Einzelheiten aus ihrer Zerstreuung und ihrer Verteiltheit und stellt sie in das Gefüge einer Anschauungsweise ein, die sie konserviert und sie nicht durch Verallgemeinerung beeinträchtigt, so daß jede Form in den Grenzen des Inhalts beschränkt bleibt und nicht überfließt. Weder ein Weniger, noch ein Mehr. Viele Schriftsteller —■ besonders in der hebräischen Literatur, wo die Ausdrucksform an und für sich noch sehr bedeutsam ist und uns zu bezaubern und manchmal die Armut des Inhalts zu verhüllen vermag — sind hingerissen von der Sprache, der der Gedanke nicht vorangeht, sondern nachläuft und sich nachschleppt. Der Ausdruck ist fertig vorhanden und, dem Gedanken zuvorkommend, bedient er ihn bereitwillig; indem er ihn aber bedient, überwältigt er ihn, entstellt ihn, schmälert oder erweitert ihn nach den eigenen Grenzen, unterdrückt eine Schattierung von ihm und hebt irgend einen eigenen Strich hervor, zuungunsten der Klarheit. So lenkt der Ausdruck den Bau des Gedankens nach seiner eigenen Dimension, nimmt ihm die Genauigkeit und belegt ihn mit sprachlichem Beiwerk. Achad Haams Gedanke aber ist fest und durch den Ausdruck nicht zum Weichen zu bringen. Er behaut und glättet jeden Satz genau nach dem Maße des Gedankens, spart jedes Wort, um es nicht unnütz zu gebrauchen, verschwendet keinen Buchstaben um der Eleganz willen und tritt vom Inhalt nichts der Form zuliebe ab — und doch wie schön ist die Form. Einfach und bescheiden, ohne Putz und Schminke; wir empfinden sie gar nicht und genießen sie unbewußt, was das beste Merkmal einer Form ist. Scheinbar ist nur der Inhalt siebenfach durchsiebt, aber dem Auge unsichtbar steckt in der Form die Arbeit des Künstlers. Gerade deswegen ist die Lehre Achad Haams, in den Worten eines alten jüdischen Werturteils zu reden, „klar und lauter" sowohl inhaltlich als der Form nach. Und das ist der Gast in unserer Literatur! — Achad Haam ist ein Künstler in der Publizistik. Und das will viel heißen. Kein Gebiet ist für die Kunstform so schwierig und ihr so widerstrebend wie die Publizistik. Pully bei Lausanne Jakob Klatzkin