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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 385

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Priester ohne Volk
Date
1916-09-01
Page
385 (sequence 8)
Language
German
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Priester ohne Volk 385 einer Konferenz im Sommer desselben Jahres in Odessa wurde das weitere Bestehen des Bundes beschlossen und Mittel zur Wiederbelebung in Vorschlag gebracht. Es war nur noch ein Scheinleben und auch dieses hörte bald auf. Weshalb ist diese Avantgarde, an deren Spitze ein so bedeutender Mann wie Achad Haam stand, die viele Gute und manche unserer Besten zu ihren Fahnenträgern zählte, nach einem starken Anlauf so rasch zurückgewichen und von der Arena verschwunden? Eine Antwort drängt sich gleich auf, die zum großen Teil den Zusammensturz aller Hoffnungstürme, die wir in der Diaspora errichtet haben, errichten wollten, erklärt: Unser Volk hat keinen Boden unter den Füßen. Wir sind ein Luftvolk. Nur die Mutter Erde, die alles dem Tode Geweihte in sich verschlingt und aus sich immer wieder neues Leben hervorsprießen läßt, nur sie kann Menschenwerk Dauer verleihen. Alles, was ohne sie geschaffen wird, trägt schon in der Stunde der Geburt den Keim der Schwäche und der Hinfälligkeit in sich. Zwischen den großen Anfängen der chassidischen Bewegung und ihrer Entartung liegen kaum drei Generationen. Und daß alle messianischen Hoffnungen zu Lügen, zu pseudo-messianischen Abfallbewegungen geworden sind, hat letzten Endes ebenfalls darin seinen Grund. Aber dieser Umstand, so viel er zu erklären vermag, reicht zur Erklärung des rapiden Zusammenbruchs des Bne-Mosche-Bundes nicht aus. Es war noch ein anderes Moment, daß seinen Untergang herbeigeführt hat: Die Auserlesenen, die Bne Mosche, waren nicht die Auserwählten, weil sie den Weg zum Volke, zu den kleinen Menschen mit den kleinen Wünschen nicht gefunden haben. Sie haben ihn auch nicht aus ganzem Herzen gesucht, trotzdem sie ihr eigenes Symbol auf diesen Weg hingewiesen hat. In der sogenannten Einweihung (Kiduschim), der Aufnahmeformel des Bundes, heißt es: ,,Wir haben unsern Bund Söhne Mose genannt, denn unsern Hirten Moses haben wir uns zum Vorbilde ersehen. Wie er zu seinem Volke hinabstieg, um die Leiden seiner Brüder zu sehen und mit ihnen mitzuleiden, also sollen die Großen angesichts des Volkes ihren Stand vergessen und im Herzen sein Leid mittragen . . Hier spricht Liebe zum Volke und Hingebung, aber es fehlt die Überzeugung, daß nicht nur alles für das Volk, sondern auch alles durch das Volk, durch seine Kraft geschaffen werden müsse. Unsere Alten haben dies gewußt. Moses wiege zwar das ganze Israel auf. Aber: „Steig hinab — sagt Gott zu Moses — habe ich dir doch nur um Israels willen Größe verliehen. Nun, da Israel gesündigt hat, steig hinab!" Die Führer des Volkes, mögen sie dies noch so sehr überragen, müssen, um ihretwie um seinetwillen, in ihm wurzeln, wie der Baum in der Erde, und aus ihm ihre Kraft schöpfen. In seiner Darlegung ,,Ein mißglückter Versuch" bringt Achad Haam den Niedergang der Bne Mosche in einen mehr als zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftauchen des modernen Zionismus: ,,Im Sommer des Jahres 1896, als die Bewegung des politischen Zionismus entstand, löste sich der Bund Bne Mosche von selbst auf, —inf olge des lärmenden Rufes von Basel . .." Dieser lärmende Ruf von Basel drang bis zum Volke, rüttelte es auf, riß es mit sich fort und stellte ihm Aufgaben, verlangte von ihm Opfer, anstatt nur zu geben, zu schenken . . . Und es war gut und heilsam, daß er auch die Schar der Auserlesenen für eine Weile zumindest mit sich fortgerissen hat. „Kein religiöser, ethischer oder sozialer Gedanke — sagt Achad Haam in seinem Heft 6. 27

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