Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Priester ohne Volk
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 386 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875879-3106936--0553-3106996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
386 Aus den Urkunden der Bne Mosche Aufsatz „Die Priester und das Volk'*,*) den er im Hinblick auf die Bne Mosche geschrieben hat — kann zum Durchbruch gelangen ohne einen Bund von Priestern, die ihm ihr Leben weihen, aus ganzer Seele und mit ihrem ganzen Können dienen, die über ihn Wache halten, ihn vor jedem bösen Zufall bewahren und an jedem Orte der Gefahr sich als die ersten für ihn einsetzen. Ein neuer Gedanke ist ein unbetretener Weg, daher ein gefahrvoller Weg. Nicht von der Masse des Volkes, des lebenshungrigen, können wir daher fordern und nicht auf sie können wir uns verlassen, daß sie mit Einsatz des eigenen Lebens dem Gedanken den Weg bahne. Das ist Sache der Priester, die die dazu erforderliche sittliche Kraft besitzen. Das Volk folgt nach, nachdem man ihm den Weg freigelegt und geebnet hat." Diese Verteilung der Rollen zwischen den Priestern und dem Volke ist abstrakt und einseitig, mehr Wunsch als Wirklichkeit. Ein Bund von Priestern kann nicht bestehen, wenn er nicht mit dem Volke, dem lebenshungrigen, dem reinen Ideale fremden Volke, aufs innigste verbunden ist. Im Volke ist das einzige Reservoir ihrer Kraft, und sie können nicht mehr und nicht anderes geben, als sie diesem entnehmen. Auf zwei entgegengesetzten Wegen gelangen die Priester zum Volke. Entweder sie stürzen sich mit der Fahne des Ideals in der Hand auf das Volk und beugen es mit Gewalt und List unter ihr Joch — so die herrschende Priesterkaste. Oder sie dienen ihm als Vollzieher seines Willens, als Wächter und Bewahrer seines Ideals — die dienende Priesterschar. Die Priester sind entweder die ,,Diener Gottes" oder „die Diener der Diener Gottes". Die Priester errichten den Altar, schmücken und heiligen ihn, aber die Opfer werden vom Volke dargebracht, freiwillig oder gezwungen, bis es „Ich will" sagt. Der Altar der Priester ohne Volk aber steht bald öde und verlassen da. Berlin A. Robinsohn AUS DEN URKUNDEN DER BNE MOSCHE**) Der Weg des Lebens i. Die Geschichte Israels während der Diaspora im allgemeinen und während der letzten Jahre im besonderen lehrte uns verstehen, daß wir keine Hoffnung haben, inmitten eines fremden Volkes als Volk und zugleich als Menschen leben zu können: an allen Gebieten des Lebens wie ein Bürger des Landes teilzunehmen und zugleich ein Volk mit besonderen Ideen und eigenartigen Sitten zu bleiben. Weh uns am Tage des Leidens, und weh uns am Tage des Wohlergehens! Die Leiden verdarben in uns den Geist des Menschen, das Wohlergehen — den Geist des Volkes. Jenes erniedrigte uns als Menschen in den Augen der andern, dieses machte uns zu einem verächtlichen Volke in unsern eigenen Augen. Daher würden wir umsonst unsere Kraft verbrauchen und unsere Habe verschwenden, um unsere Stellung unter den Völkern zu festigen — dies wird nie gelingen. Zwei Wege sind vor uns: der Weg *) A. P. D. Band I S. 22. **) Die hier mitgeteilten Urkunden sind von Achad Haam selbst verfaßt (vgl. den vorangehenden Aufsatz von A. Robinsohn).