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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 381

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Priester ohne Volk
Date
1916-09-01
Page
381 (sequence 4)
Language
German
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Priester ohne Volk 38l Avantgarde zu dienen und zugleich über ihnen zu stehen . . . Dabei rekrutierten sich die Bne Mosche zum größten Teil aus den Chowewe Zion und mußten an ihrer Arbeit teilnehmen. Die Chowewe Zion konnten daher zu keiner klaren Stellung zu den Bne Mosche kommen. Sie schwankten zwischen Anerkennung und Ablehnung und wußten nicht recht, ob sie dieses neue Geschöpf mit väterlicher Liebe begrüßen oder in ihm einen unbequemen und lästigen Konkurrenten sehen sollten. Es kam zu Reibungen, endlich zu einem Kompromiß: drei „Brüder" (Ginzberg [Achad Haam], Lubarski und Eisenstadt) traten dem Komitee der Chowewe Zion bei. Der Zentralpunkt der Bne Mosche sollte sich bald verschieben. Die Hauptloge, die Odessaer („Der Weg des Lebens"), begann ihre überragende Bedeutung einzubüßen. Die Tochterlogen in Bialystok und Warschau schlugen ein rascheres Tempo ein als jene, um den langwierigen Weg von der „Vorbereitung des Herzens" bis zu der daraus hervorgehenden Tat abzukürzen. Sie wollten selbst in die Kolonisationsarbeit eingreifen — und griffen auch ein. Von ihnen wurde der Grundstein zur Kolonie Rechowoth gelegt. Ebenso ging von ihnen die Anregung zu einer organisatorisch strammen Ausgestaltung der Bne Mosche aus. Achad Haam rüstete zu einer Reise nach Palästina und übergab der Loge in Warschau die interimistische Leitung. Am 15. Ab 5649 (1890) fand in Warschau eine neue Gründungskonferenz statt, zu der sich bereits Vertreter von 14 Logen aus Nord- und Südrußland einfanden. Dieser Konferenz, an der Achad Haam selbst nicht teilnahm, sandte er eine Ergänzung („Miluim") zum Manifeste „Der Weg des Lebens". Er mochte schon damals begonnen haben, sein Schicksal, mehr gelobt als gelesen und mehr gelesen als verstanden zu werden, schmerzlich zu empfinden. Noch einmal — deutlicher und klarer — kennzeichnete er den Weg, den die Bne Mosche einzuschlagen hätten. Um dieselbe Zeit, als der Geheimbund Bne Mosche seine feste Form angenommen hatte, wurde der Verein der Chowewe Zion, der acht Jahre lang gezwungenermaßen eine geheime Existenz hatte führen müssen, legalisiert und machte sich daran, nunmehr öffentlich seine Tätigkeit auf eine breitere Basis zu stellen. Jetzt erst zeigte sich seine ganze Ohnmacht. Nur die Kolonie Chedera und 9 Familien aus Pethach Tikwah waren auf sie angewiesen — die übrigen 29 Familien hatte der „Baron" unter seinen Schutz genommen —■ und selbst diese konnten die „Praktischen", die „Männer der Tat" nicht erhalten. Das Komitee beschloß, in Palästina eine Verwaltung einzusetzen. Ein Kollegium von drei Personen (Temkin, Ben- Tobim, Pines), die sehr wenig zueinander paßten, wurde gewählt. Es folgte ein rasches Emporschießen der Auswanderungsbewegung nach Palästina, begünstigt durch die Massenausweisungen aus Kiew, ein Emporschnellen der Bodenpreise, eine unlautere Konkurrenz unter den Pionieren selbst — diesmal waren es nicht junge Phantasten, Akademiker wie die Bilu, sondern besonnene, praktische Kaufleute —, ein Einwanderungsverbot und bald der Zusammenbruch. Achad Haam, der um dieselbe Zeit in Palästina weilte, war wohl nicht der einzige, der die Katastrophe herannahen sah, aber der einzige, der den Mut fand, die Ursachen nicht in den äußeren Umständen, sondern in den inneren zu suchen, der einzige, der das in der Öffentlichkeit auszusprechen wagte. „Diese Steine", sagte er zu sich, als er an der Westwand stand, „sind Zeugen der Verwüstung des Landes, und die Menschen Zeugen der Verwüstung des Volkes. Welche ist größer? Welche beklagenswerter? Wird ein Land verwüstet, während das Volk noch voll Kraft und Leben ist, dann erstehen Männer wie Serubabel, Esrah und Nehemiah und nach ihnen das Volk

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