Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Priester ohne Volk
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 380 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875879-3106936--0547-3106990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
38o A. Robinsohn: sten Forderungen an ihre Brüder („Sie darf selbst gegen Große und Edle nicht nachsichtig sein, wenn ihnen auch nur eine der Bedingungen für einen solchen Bund fehlt")» hatte ihre feierlichen Zeremonien, ihre Begrüßungsformeln und Zeichen, woran sich die Brüder erkannten — kurz, sie war auch in Äußerlichkeiten ein Geheimorden. Die zehn Ersten, die Gründer des Bundes — zu diesen gehörte auch Lilienblum, der gegen Achad Haams ,,Nicht dies ist der Weg" scharf Stellung genommen hatte — leisteten der Schwur: ,,Im Namen des Gottes Israels und im Namen alles dessen, was mir teuer und heilig ist, gelobe ich, alle Satzungen des Bundes, in den ich jetzt eintrete, zu wahren, ihnen überall und in jeder Lage, soweit mein Können reicht, nachzuleben und das Geheimnis des Bundes zu wahren, selbst dann, wenn ich ihn verlassen werde. Alle diese Verpflichtungen übernehme ich aus ganzem Herzen, ohne jede Hinterlist, ohne Falsch, unbedingt und ohne Vorbehalt. Zeugen seid ihr alle, meine Brüder, die ihr da steht, und dies sei mein Bund mit euch — in Frieden! Amen!" Eine kleine Meinungsverschiedenheit bestand zwischen den Brüdern und dem Führer, wie sie sonst nicht vorzukommen pflegt. Die Brüder forderten, daß dem Führer eine unbeschränkte Vollmacht über sie eingeräumt werde, daß er über sie „wie über seinen eigenen materiellen und geistigen Besitz" verfüge. Der Führer, Achad Haam, wehrte sich dagegen. Die ethische Macht allein, das sittliche Gefühl müsse in den Herzen der Bne Mosche so stark sein, daß sie sich von selbst, ohne äußerlich dazu verpflichtet zu sein, dem Führer unterordnen. Achad Haam mußte nachgeben: „Der Führer handelt, wie er es für notwendig findet, ohne von den Mitgliedern der Loge Erlaubnis einzuholen" lautet eine der Satzungen des Bundes. Übrigens gaben die Brüder Achad Haam nicht gar zu oft Gelegenheit, sich über blinden Gehorsam gegen ihren Führer zu beklagen . . . Bald sandten die Bne Mosche ihren ersten Emissär aus, mit der Aufgabe, die Auserlesenen in den Gemeinden der Zionsfreunde herauszufinden und für den Bund zu werben. Er sollte mit der größten Vorsicht vorgehen und nur solche einweihen, von deren Würdigkeit er sich durch eingehende Prüfung überzeugt hatte. Josua Eisenstadt, ein Palästinenser, ging nach Pinsk und nach Bialystok und gewann den Bne Mosche eine Reihe angesehener Chowewe-Zion, die sich zu Tochterlogen vereinigten.*) Achad Haam war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Unter den neuen Brüdern fand er zu viel große Namen. Diese hätte man vorläufig beiseite lassen und sich nach bescheidenen, jungen Arbeitskräften aus dem Volke umsehen sollen — nach Männern ohne Namen. Die Großen und Berühmten würden nachher, wenn der Bund gefestigt dastehen wird, von selbst kommen. Der Emissär und andere Brüder wählten den umgekehrten Weg — von der Elite zum Volke. Das Ergebnis war, daß die Gesellschaft Bne Mosche, noch bevor sie Zeit fand, sich ihr eigenes Gepräge zu gehen, in sich scharf ausgeprägte Individualitäten mit entgegengesetzten, unversöhnlichen Anschauungen und Bestrebungen, die sie kaum zusammenzuhalten vermochte, zu vereinigen hatte. An dieser schweren, unlösbaren Aufgabe laborierte die Gesellschaft bis zu ihrem Untergange. Ein zweites Moment, das an den Kräften dieses jungen zarten Gebildes zehrte, war die schwierige Doppelstellung zu den offiziellen Chowewe Zion. Die Bne Mosche hatten die Aufgabe, diesen als *) Josua Eisenstadt („Jehoschua Barsilai") hat uns für eines der nächsten Hefte einen Beitrag zugesagt, in dem er seine Erinnerungen an die Bne Mosche niederlegt. (Anm. d. Red.)