Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Priester ohne Volk
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 379 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Priester ohne Volk 379 aber spukten die blutlosen Ideale wie Gespenster, ohne Zusammenhang mit Leben und Wirklichkeit, lehrten es die nächstliegenden Ziele, die seinem Können entsprochen hätten, verachten, um das anzustreben, was über seine Kraft gehe . . . Mit dieser Charakteristik hat Achad Haam eine verhängnisvolle biopsychische Eigenart des jüdischen Volkes aufgedeckt. Aber es gibt noch ein anderes, das entgegengesetzte Moment, das nicht weniger hemmend auf die Lebensfunktionen unseres Volkes wirkt: daß seine erschöpfte Seele die Ideale, die sie sich schafft, nicht genügend festzuhalten vermag, die Zukunftsträume, die sie sich hervorzaubert, noch bevor sie „den Weg beleuchtet und den Willen geweckt haben", aus dem Herzen bannt, um sie gegen die kleine Bettelmünze des Alltags einzutauschen. Nicht erst im Kampfe mit den äußeren Hindernissen, sondern schon vor ihren Schatten kapitulieren wir und geben das preis, was uns Ziel und Lebensaufgabe war. Auch bei den Chowewe Zion ging das Gleichgewicht zwischen Ideal und Tat, zwischen Bestrebung und realem Können durch ein kleinmütiges Resignieren verloren. Pinsker brachte gegen seine tiefere Überzeugung das schwere Opfer, den großen Gedanken, der eine Weile die Bewegung beseelt hatte, wenn nicht zu verleugnen, so doch zu verhüllen — um die ,,Männer der Tat" zu gewinnen, konkret: um sich die armselige Unterstützung der Reichen nicht zu verscherzen. Achad Haam und einem kleinen Kreise Gleichgesinnter war es beschieden, den Chibath-Zion-Gedanken vor Verengung und Zusammenschrumpfen, vor einer Kapitulation zu bewahren. Zu jener Zeit wurde Achad Haam als ,,homo novus" in die Leitung des ,,Odessaer Komitees" gewählt, und bald war da der Hauch eines neuen Geistes zu spüren. In einer der Sitzungen las Pinsker seine für die Konferenz in Kattowitz bestimmte Eröffnungsrede vor. Was er sprach, und noch mehr, was er verschwieg, war eine Verzichtleistung auf das Ideal, das er selbst gehegt, klar und laut wie keiner vor ihm der Welt verkündet hatte, zugunsten einer harmlosen Wohltätigkeitsbestrebung, die den armen Juden im Osten helfen und den reichen im Westen nicht schaden könne. Da trat ihm Achad Haam entgegen. Eine historische Fälschung, eine Verleugnung unser selbst nannte er die Hintansetzung des großen Gedankens. Das nationale Ideal müsse wieder in seiner Reinheit und mit allen seinen Konsequenzen verkündet werden. Welche Gefühle müssen sich in der Seele des greisen Pinsker geregt haben, als er den jungen Achad Haam im Namen dessen sprechen hörte, was er tot geglaubt und verzweifelt selbst zu Grabe getragen hatte! . .. Eine kleine Schar Gleichgesinnter begann sich um Achad Haam zu sammeln. Schon sahen sie in ihm den zukünftigen Führer. Aber er scheute die Öffentlichkeit. Er wollte lernen, nicht lehren. Mit List und gelinder Gewalt gelang es den wenigen Freunden, die Zutritt zu seiner Studierstube hatten, ihn dazu zu bewegen, seinen ersten Aufsatz ,,Nicht dies ist der Weg" im „Hameliz" zu veröffentlichen. Eine Abkehr von den kleinlichen praktischen Taten, eine Rückkehr zum großen nationalen Ideal —• das ist der Grundgedanke dieses Erstlingswerkes, das bereits alle Keime der Anschauungen Achad Haams in sich birgt. Achad Haams Ruf ließ in dem kleinen Kreise um ihn den Gedanken reifen, einen Bund Auserlesener zu gründen, um das nationale Ideal, zu dem sich die offiziellen Chowewe Zion den Weg versperrt hatten, zu neuem Leben zu wecken. Am 7. Adar des Jahres 5649 (1889) wurde der Geheimbund „Bne Mosche" gegründet und Achad Haam zum Führer gewählt. Er ist auch der Verfasser ihres Manifestes: „Der Weg des Lebens". Die Gesellschaft war als ein streng geheimer Bund gedacht; sie stellte die hoch-