Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Priester ohne Volk
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 378 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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378 A. Robinsohn: PRIESTER OHNE VOLK (Über die „Bne Mosche" und ihr Schicksal) Bis vor wenigen Jahren war der Geheimbund „Bne Mosche", dessen Begründer und Leiter Achad Haam gewesen ist, in ein mystisches Dunkel gehüllt. Der Zufall spielte einem eine vergilbte Abschrift ihres Manifestes „Der Weg des Lebens" in die Hand oder ein „Rundschreiben" aus der kurzen Blütezeit der Bne Mosche. Hie und da bekam man auch Gelegenheit, den abgerissenen Erinnerungen eines gewesenen Bruders zu lauschen. Dies war alles, was selbst die Eingeweihten erfuhren. Es hatte für manchen jungen Zionisten einen prickelnden Reiz, möglichst viel, aber nicht zuviel von diesem legendären Bund zu wissen. Die Phantasie hatte so freien Lauf und faßte die undeutlichen, verschwommenen Konturen zu einem lichtvollen, alles Hohe und Schöne verkörpernden Bilde zusammen. Jetzt haben wir zwei authentische Quellen zur Geschichte des Werdens und des Zerfalls des Bne-Mosche-Bundes, den Aufsatz: „Ein mißglückter Versuch" vom Schöpfer des Bundes, von Achad Haam selbst*), und eine Monographie „Die Bne Mosche und ihre Epoche" von S. Tschernowitz**). Angesichts der Daten und Tatsachen, die uns hier über die Bne Mosche geboten werden, zerrinnen die Phantasiegebilde. Dafür aber tut sich ein Stück Wirklichkeit, ein Abschnitt aus der Geschichte der jüdisch-nationalen Bewegung vor unseren Augen auf. Es war im Jahre 1889. Noch waren die blutigen Spuren der ersten Pogrome der achtziger Jahre nicht verwischt, aber das heilige Feuer der Begeisterung, die diese in den Spitzen des Volkes, in der akademischen Jugend und in den Auserlesenen der Intelligenz entfacht hatten, war schon im Verglimmen. Die „Bilu", die ersten Pioniere in Palästina, waren bald auf ein kleines Häuflein zusammengeschmolzen, und noch früher ihre hochgespannten Hoffnungen. Und Pinsker, der Verfasser der „Autoemanzipation", der dem jüdisch-nationalen Gedanken den schärfsten Ausdruck gegeben hatte, beschied sich damit, an der Spitze des „Vereins zur Unterstützung von Ackerbauern und Handwerkern in Syrien und Palästina" zu stehen. Es schien, als sei der große Traum von der Auferstehung der jüdischen Nation zumindest für die Gegenwart ausgeträumt. Rasch, allzu rasch hatte man die Erwartungen auf das Niveau der Alltagsmöglichkeiten herabgeschraubt. „Jede gesunde Seele," sagt Achad Haam,***) „die eines Einzelindividuums wie die eines ganzen Volkes, ist von Natur mit der Eigenart begabt, daß ihre letzten Wünsche sich in den verborgensten Winkel des Herzens flüchten, sobald sie sich einer realen Arbeit hingibt." Der Abstand zwischen dem ewigen Ideal — dem Endziel — und dem zeitlichen Ideal — den Teilzielen, die auf dem Wege zu jenem liegen — pflege so groß zu sein, daß es die Seele entmutigen und erschöpfen würde, wenn beide zugleich sie erfüllten. Nachdem das ewige Ideal „den Weg beleuchtet und den Willen geweckt hat", räume es daher „dem abgegrenzten Ziele" den Platz. In der kranken Seele unseres unglücklichen Volkes *) Achad Haam, AI Paraschath Derachim Band IV, S. 196—227. *) „Bne Mosche ut'kuphatham", Warschau 1914. *) AI Paraschath Derachim Band II, S. 9—11: „Bedürfnis und Können'*.