Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 K. Baruch: Literatur, während das Werk selbst — die Wissenschaii", der zu Ehren die Einleitung geschrieben wurde — lediglich aus kleinlichen Detailuntersuchungen über allerlei Kommentatoren, Punktatoren und alte Liturgien besteht, deren Nichtexistenz die Weltgeschichte nicht im geringsten vermissen würde. Hier zeigt sich ganz krass, wie tief die Sehnsucht dieser Gelehrten nach irgendeinem positiven nationalen Inhalt ist---. Aber sie fanden zu ihrem Unglück keinen.4' Die berüchtigte Missionstheorie hat in Achad Haam ihren stärksten Kritiker gefunden. Davon handelt unter anderem der Aufsatz „Äußerliche Freiheit und innerliche Knechtschaft" und eine Reihe Stellen in anderem Zusammenhange. Das gehört aber eigentlich zur Geschichtsphilosophie Achad Haams und verdient jedenfalls eine Sonderabhandlung. Zur Charakteristik der westjüdischen Schöpfer der Missionstheorie nach Achad Haam genügt folgender Satz: „Die »erhabene Mission' hinderte ihre Anhänger, ja sogar ihre Verkünder auf der Kanzel, nicht im geringsten, in jenen „unvollkommenen Schülern", zu deren sittlichen Vollendung ja jene Mission bestimmt war, die verkörperte Vollkommenheit zu sehen und sie in allen Lebensverhältnissen als ihre Lehrer zu betrachten." (I, n.) Achad Haams Interesse für die Westjudenheit erstreckt sich aber nicht nur auf die obenberührten akademischen Probleme. Sondern auch aktuelle, soziale Lebensfragen des jüdischen Westens regen ihn an und — auf. Hierher gehören vor allem die zionistischen Theorie- und Tatfragen, die Bekämpfung des nurpolitischen Zionismus der ersten Jahre. Viel Bitteres hat Achad Haam dabei vom westlichen Zionismus gesprochen. Das gehört aber jetzt zum Teil der Geschichte an. Zwanzig Jahre sind seit Anfang dieser Kämpfe verflossen, und Achad Haam erlebt es, sich auch im Westen einer Zustimmung zu seinen Ideen und Methoden erfreuen zu dürfen, wenn auch oft, ohne daß die Zustimmenden sich dieses Zusammenhanges bewußt werden. Aktuell im höchsten Grade, das öffentliche Interesse des Westens beanspruchend, besonders originell und großzügig ist der Bände sprechende Gedanke Achad Haams über das jüdische „geistige Proletariat". Es handelt sich natürlich nicht um das „Proletariat der Intelligenz", sondern um etwas ganz anderes. Indem Achad Haam den jüdischen sozialistischen Parteien die „proletarische Psychologie" abspricht, da ja ein jüdisches Großfabrikproletariat erst im kärglichen Maße vorhanden ist, fährt er fort: „Dagegen gibt es aber bei uns und nur bei uns ein Proletariat in anderem Sinne: — im national-geistigen Sinne, — welches auch seinerseits entsprechend seiner Lage und seinen Bedürfnissen, die allen seinen Individuen gemeinsam sind, ein tiefes und starkes Streben nach Änderung der bestehenden Ordnung empfindet, mit dem Unterschiede, daß die gewünschte Änderung hier nicht in der Kommunisierung der Produktions Werkzeuge besteht, sondern im Gegenteil in der Forderung eigener „Werkzeuge" für eigene Produktion. Unter allen Kulturnationen ist unsere die einzige, die nicht besondere Produktionswerkzeuge zur Schaffung ihres kulturellen Kapitals besitzt und die gezwungen ist, die Werkzeuge anderer Völker zu benützen: — ihre Sprache, ihre Literaturschätze, ihre Hochschulen usw. — und durch ihre Arbeit die Besitzer der Werkzeuge zu bereichern. Und wenn das „Proletariat", das den materiellen Besitz schafft, wenigstens einen Teil des durch seine Arbeit erworbenen Kapitals als Lohn erhält und der Überschuß dem Besitzer der Werkzeuge verbleibt, so geht der Ertrag unserer Arbeit