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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 377

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams
Date
1916-09-01
Page
377 (sequence 5)
Language
German
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Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams 377 fast vollständig in den Besitz anderer über und unser Nationalschatz bleibt arm und leer, unser eigener Geist verkümmert immer mehr, trotzdem unser Volk reich ist an kulturellen Kräften, die auf allen Gebieten fruchtbare Arbeit leisten." (Am Scheidewege II, 190.) Und weiter: „In den Ländern Westeuropas und in Amerika, wo die gesuchte Freiheit bereits gegeben ist und ihre Wirkung auf unser nationales Leben klar zutage liegt, — dort beginnen viele bereits einzusehen, daß die äußere Freiheit allein, die Abschaffung der Bedrückung, noch nicht hinreicht, uns auch innerlich, in unserem Geiste, freizumachen von der moralischen Knechtung gegenüber dem fremden Milieu, das uns in der Diaspora überall umgibt." (II, 192.) Kann man tiefer schauen in den Abgrund des geistigen Galuthelends, wie es im Westen ist, im Osten wird? Achad Haam geht so weit in seinem negativen Verhältnis zum Galuth, in seinem Unglauben an die Dauerhaftigkeit der Reste des jüdischen Eigenlebens in der Zerstreuung, immer das Gespenst des Westjudentums vor sich sehend, daß er z. B. zur inneren Sprachenfrage der Ostjudenheit unter anderem sagt: ,,Es ist, wie mir scheint, kein Zufall, daß das Banner des Jargonnationalismus erst jetzt entrollt wurde, zu einer Zeit, da der Jargon selbst bereits in Vergessenheit zu geraten beginnt. Auch die „Religionsgemeinschaft" im Westen entstand erst zu einer Zeit, da die Religion selbst ins Wanken zu geraten begann" (Am Scheidewege II, 161). Sowohl in der „mosaischen Konfession" des Westens wie in dem Jiddischnationalismus des Ostens sieht Achad Haam nur romantische Verherrlichung des Untergehenden. Es sind hier nur Proben dessen gegeben, was Achad Haam des längeren über Westjuden und Westjudentum denkt. Möge zum Schluß noch eine folgen, ein Zitat aus einem noch nicht ins Deutsche übersetzten Aufsatz, wo er sich als Ostjude gegen manche Westjuden wendet. Die Stelle ist 1901 geschrieben (AI Paraschath Derachim III, 118), erscheint aber heute ungemein zeitgemäß: „Als vor dem polnischen Pan vor Jahren demütig, durch die schwere wirtschaftliche Lage gezwungen, „sein" Jude stand, und er, der Herr, ihn nach Herzenslust verhöhnte — da dachte er in seiner Einfältigkeit, daß der Jude selbst seine Erniedrigung empfinde und die Erhabenheit des ihn ernährenden Herren anerkenne. Und wußte nicht, daß der Jude in seinem Innern ihn und alle seinesgleichen geringschätzt und all ihren Reichtum und ihre Bildung für nichts erachtet, da er weiß und erkennt, daß er, bei all seiner materiellen Armut, erhaben ist über alle diese Herrschaften, die dem Augenblicksleben verhaftet sind. Auch unsere westlichen Notabein nehmen anscheinend, weil die Östler zu ihnen kommen und sie um materielle Hilfe in einer Notlage ersuchen, in grob irrtümlicher Weise an, daß diese Juden auch ihre geistige Überlegenheit anerkennen und ihrer harren, auf daß sie sie nicht nur von ihrem äußeren Elend, sondern auch von ihrer inneren Knechtschaft befreien. Aber wenn diese unsere Erlöser wüßten, was wir über sie denken, über die innere Knechtschaft, in die sie versunken sind, indem sie den Geist ihres Volkes für papierne „Rechte" verkauft haben, über diejenige „innere Knechtschaft bei äußerer Freiheit", deren Löwenanteil den Juden Frankreichs zugefallen ist, — wenn sie das wüßten, sie würden vielleicht die volle Tiefe des Hohnes verstehen, mit dem wir, die Undankbaren, ihnen ihre Barmherzigkeit vergelten, wenn sie uns von unserer geistigen Knechtschaft befreien wollen. Ihr Sklaven, befreit euch zuerst!"' Charlottenburg K. Baruch

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