Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 375 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams 375 Und über dieses Judentum, über die Missionsidee und seine anderen Ideen spricht Achad Haam so oft und setzt es in so helle Beleuchtung, daß es eine dankbare Aufgabe wäre, alle einschlägigen Stellen in einer Chrestomathie zu vereinigen, etwa unter dem Titel „Westjudenspiegel". Wobei wiederholt werden muß, daß außer ein paar bekannten Aufsätzen Achad Haam nicht speziell über Westjudenfragen schreibt: nur beiläufig, nur Analogien oder Kontraste zum besseren Verständnis suchend. So z. B. über die Reform. Achad Haam, der kein strenggläubiger Jude ist, der sein Freidenkertum in seiner offenen Antwort an einen Rabbiner („Worte des Friedens", Am Scheidewege I) klarlegt, verhält sich dennoch äußerst negativ zu den „jüdischen Reformern im Westen". „Wer die Religion reformieren will, der erscheint in meinen Augen wie einer, der das Feuer abkühlen will — eine contradictio in adiecto." Anders war es bei den Reformatoren des Christentums und den Gründern der Karäersekte bei uns: „sie kritisierten nicht den Inhalt der religiösen Elemente, einzeln für sich, um festzustellen, ob ein jedes von ihnen noch seinem Zwecke entspricht und unberührt erhalten bleiben soll oder ob es verschiedene Gebrechen aufweist und daher reformiert werden muß, sondern sie leugneten mit einem Male die göttliche Autorität eines bestimmten Teiles der religiösen Literatur und sprachen ihm jede Heiligkeit ab, so daß dann von selbst eine Menge von Elementen, die früher als religiöse Institutionen gegolten hatten, in Wegfall kamen ... im Verhältnis aber zu demjenigen (Teil), den sie in ihrer Heiligkeit beließen, blieben auch sie vollständig gläubig und erlaubten sich nicht die geringste Reform in ihm." Während die jüdischen Reformer „es für möglich halten, die Religion und das alte Schrifttum im allgemeinen in ihrer Heiligkeit bestehen zu lassen und zugleich nach ihrem eigenen Ermessen bestimmte Satzungen abzuschaffen, weil sie nicht mehr den Zeitbedürfnissen entsprechen. So geraten sie mit sich selber in einen merkwürdigen und seltsamen Widerspruch und es ist nicht zu verwundern, wenn ihre Reformen die gänzliche Vernichtung der Religion nach sich ziehen." Der Grundgedanke dieses Aufsatzes wird in den Worten ausgesprochen: „So kann doch jetzt kein vernünftiger Jude eine derartige Reform wünschen, es sei denn, er wünschte zugleich, daß wir unserer Geschichte den Rücken wenden." Auch in anderem Zusammenhange kommt Achad Haam auf die Reformbewegung zurück, immer sich publizistisch an die Ostjuden wendend, auf die Westjuden als Beobachtungs- und Studiumsobjekt verweisend. Ein beliebtes Motiv ist da bei Achad Haam die westjüdische Wissenschaft. Schon in seiner Einleitung zur ersten Auflage des ersten Bandes seiner Werke, wo er der zeitgenössischen Judenheit eine Diagnose stellt, die er später oft wiederholt, nämlich das Erlöschen des Absoluten, des Selbstverständlichen der nationalen Teleologie, da berührt er recht unsanft die „Wissenschaft des Judentums", die ihrerzeit als Lebenselixier des Judentums gedacht worden war. Er vermißt in ihr die schöpferische Bearbeitung der „alten fundamentalen Geschichtsperiode, in der der Geist unseres Volkstums entstand", der biblischen Epoche; er findet auch in der Darstellung der Diasporageschichte mehr Apologetik als Befriedigung des eigenen Bedürfnisses nach einem das Leben ausfüllenden Ideal. Mit großer Schärfe bemerkt er an einer anderen Stelle (Am Scheidewege I, 189): „In den Werken, die dieser Wissenschaft gewidmet sind, stoßen wir häufig auf eine sehr eigentümliche Erscheinung. Die Einleitung ist voll von gedankenreichen und tiefempfundenen Betrachtungen über das jüdische Volk und seine