Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 K. Baruch: heit zu umlohen droht, vergißt Achad Haam nicht, daß vorderhand im Osten „das nationale, historische Judentum lebt und sich entfaltet", während es im Westen . . . Aber darüber, wie das Westjudentum aussieht und wie es dazu gekommen ist, so auszusehen, spricht Achad Haam in vielen Aufsätzen, auch dort, wo er eigentlich über ganz andere Themen sich ausläßt. Es ist nämlich sehr lehrreich, wie er die Gegenwart und die nahe Vergangenheit der Juden des Westens als Stoff benutzt, um seine Gedanken über das Gesamtjudentum oder speziell über das Ostjudentum zu illustrieren. In allen Fällen handelt es sich um anschauliche Beweise, wie es eben nicht sein soll. Achad Haam, der seine dialektischen Darlegungen mit Beispielen aus der Geschichte zu würzen liebt, hat im West judentum eine Quelle gefunden, aus der er Beispiele gleichsam aus der drohenden Zukunft holen kann. So konnten die judäischen Propheten auf das Schicksal Ephraims hinweisen. Belege zum Gesagten sind in Achad Haams Schriften auf Schritt und Tritt zu finden. Hier sollen ein paar markante Stellen folgen, die sein methodologisches Können dartun in der Verwertung historischer und zeitgenössischer Beispiele, die auch an und für sich unter seiner Feder neu belebt werden. Ja, oft weiß man nicht, was hier Beispiel und was Anwendung ist. In dem Essay „Vergangenheit und Zukunft" spricht Achad Haam kurz und bündig, zu Anfang etwas abstrakt, später konkreter, konkreter als bei ihm üblich, über die Ich-Frage im philosophischen Sinn; über die Kontinuität des Einzelnen und der Gemeinschaft. Er definiert das Ich als die „Addition seines Gedächtnisses und seines Willens, die Verbindung der Vergangenheit mit der Zukunft". Wo ein Glied dieser Verbindung fehlt, bin „ich" nicht mehr „ich". „Daher kommt es, daß in demselben Maße, in dem der Bestandteil der Zukunft abnimmt, zu derselben Zeit, an demselben Ort und durch dieselben Gelehrten der Bestandteil der Vergangenheit im nationalen „Ich" überhand nimmt. Zwischen dem modernen Gebetbuch ohne die Erinnerung an die Zukunft und der modernen Literatur über die Ereignisse der Vergangenheit existiert ein innerer psychologischer Zusammenhang, den die Reformer selbst nicht im vollen Umfange erkennen. Die Greisin, der man ihre Hoffnung mutwillig zerstörte, sucht Trost und Ersatz für ihren Verlust, und sie wird auf die Vergangenheit verwiesen, um sich an ihr zu vergnügen und zu vergessen, bis sie schließlich doch zu der Überzeugung kommt, daß eine Vergangenheit ohne Zukunft keines besonderen „Ich" als eines ständigen Trägers bedarf" (Am Scheidewege I, 209). Das Zitat enthält ein ganzes Kritiksystem, ein ganzes Gericht über die westjüdische Reformation und über die „Wissenschaft des Judentums". Hier ist es bei Achad Haam nur allgemein ausgedrückt, weil es ja nur ein Seitenstück bildet zu einer Erscheinung im Ost judentum, der der genannte Essay gev/idmetist, nämlich den Parteien, die umgekehrt „durch eine Zukunft, der eine Vergangenheit fehlt", Israel zu erlösen gedenken, die „sich ein neues nationales Land und ein neues nationales Leben mit neuen nationalen Interessen" schaffen wollen. Es gehört nicht zu unserem Thema, nachzuprüfen, welchen ostjüdischen Parteien dieser 1891 geschriebene Aufsatz im Auge hatte (heutzutage sind Strömungen solcher Art leichter nachzuweisen). Wichtig ist die Charakteristik des Westjudentums als eines Judentums, das auf nationale Zukunft verzichtet hat, oder wie Achad Haam sich ausdrückt, als eines „Nirwanajudentums".