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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 373

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams
Date
1916-09-01
Page
373 (sequence 1)
Language
German
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K. Baruch: Die Juden des Westens im Urteil Achad Haams 373 DIE JUDEN DES WESTENS IM URTEIL ACHAD HAAMS Achad Haam gehört nicht zu denjenigen, die die Ostjudenheit in ihren gegenwärtigen Lebensformen idealisieren und in diesen Formen die Bürgschaft für die all jüdische Zukunft erblicken. Vielmehr durchzieht alle Werke Achad Haams der Gedanke, es werde den Juden im Osten kulturell ebenso ergehen wie seinerzeit im Westen, weder die eigene Umgangssprache noch die Dichtigkeit der Bevölkerung würden dem Judentum im Osten als Rückhalt dienen können — ohne ein restauriertes Palästina. Das ist eben die Negierung des Galuth, ,,die die Möglichkeit unseres nationalen Fortbestandes in der Diaspora für die Zukunft verneint, nachdem die geistige Mauer niedergerissen ist, die unsere Väter in vergangenen Geschlechtern schützte, und es für uns keine Rettung mehr gibt vor dem Strome fremder Kulturen rings um uns, der unsere nationalen Charakterzüge verwischt, unsere nationalen Güter verschlingt und so nach und nach das Ende unseres völkischen Bestandes herbeiführt" (Am Scheidewege, IL Bd., Jüdischer Verlag, Berlin 1916, S. 215). Daher ist der Unterschied, den Achad Haam doch zwischen Ostjuden und Westjuden macht, weniger geographischer als chronologischer Natur. Die Westjuden sind nicht anders geartet als die Ostjuden, wie etwa die Aschkenasim anders sind als die Sephardim. Zu einem solchen Vergleich kann es jetzt überhaupt gar nicht kommen, da die Westjuden bereits im Rückgrat ihres Judeseins gebrochen sind — und zwar unter Umständen, denen auch die Ostjuden, wenn die Reihe an sie kommt, mit Fatalität werden unterliegen müssen. Also sind die Ostjuden nichts als die Westjuden von vorgestern, die Westjuden nichts als die Ostjuden von übermorgen. Das einzige Mittel, dieser schauererregenden Perspektive zu entgehen, ist nach Achad Haam die Schaffung eines geistigen Zentrums in Palästina, das die Diaspora im Osten und im Westen neu beleben wird. Daß Achad Haam auch eine Wiedergeburt der westlichen Judenheit durch Palästina erhofft, folgt schon logischerweise aus dem Gesagten, da ja die Bebauung Palästinas nach seiner Ansicht von langsamem Tempo sein wird und auch sein soll und inzwischen ja nach ihm die Ostjuden sich in nichts von den Westjuden zum Guten unterscheiden werden. Klar aber spricht er es in seinem Aufsatz über Pinsker aus, wo er eine Art Utopie einer Verwirklichung des Zionismus gerade durch ein völlig assimiliertes Judentum entwirft (Am Scheidewege I, Jüdischer Verlag, Berlin 1913, S. 75ff.). Genug, Achad Haam zählt nicht zu den Totengräbern der westlichen Judenheit, die diese Judenheit im Schema einer ostjüdischen oder jiddischen Kultur stört. Achad Haam kommt immer im Namen der ewig-jüdischen Kultur, die sich im Galuth überhaupt nicht ausleben kann, weder im Osten noch im Westen. Und doch ist er es, der wuchtiger als jemals einer den Juden des Westens die Wahrheit sagt, fer das niederschmetternde, klassisch gewordene Wort von „äußerer Freiheit bei innerer Knechtschaft" geprägt hat, der empört über die Judenfranzöslinge während des Dreyfußprozesses von „lose herabhängenden Gliedern der Nation" spricht, die zur Amputation verdammt sind, wobei die Gesamtheit nichts verliere, vielmehr noch gestärkt werde, kraft der natürlichen Zuchtwahl (AI Paraschath Derachim, 73)* Denn, ungeachtet seiner abstrakten Hypothesen des Kommenden, die bei Achad Haam so konsequent durchgeführt werden, bleibt er immer auf konkretem Boden. Trotz des voraussichtlichen Assimilationsbrandes, der auch die östliche Juden-

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