Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Der Zionismus Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 371 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Zionismus Achad Haams 371 nationalen Ich gewahrt und dessen normale Entwicklung für die Zukunft gesichert werden kann? Die ehrliche Antwort muß lauten: es handelt sich letzten Endes um einen Glauben. Der „Zionismus", die zionistische Lösung des aufgeworfenen Problems, beruht auf dem Glauben, daß einzig in der historischen Heimat des jüdischen Volkes dessen „Wiedergeburt*' zu erhoffen steht. Wer diesen exklusiven Zionsglauben nicht hat, ist kein Zionist, was immer er sonst sein mag.*) Wäre der Zionsglaube allgemein in den Herzen der Juden lebendig, so könnte man ohne weiteres das Mittel zur Anwendung bringen, durch welches allein das Gegenwartsideal des geistigen Zionismus realisierbar ist: die Kolonisation Palästinas in großem Stil. Aber es fehlt gerade an jenem Glauben. Nicht einmal das Bedürfnis nach einer Änderung, nach Wiederherstellung der nationalen Einheit, ist vorhanden. Bei einem derartigen Mangel an Nationalgefühl muß ein Werk, wie es hier angestrebt wird, kläglich scheitern. Erst dann läßt sich Palästina zum „geistigen Zentrum" der Gesamtjudenheit ausgestalten, wenn ein mächtiger, alle Hindernisse zu überwinden fähiger nationaler Wille das Volk befeuert. Unter diesen Umständen kommt es vor allem auf die „Belebung der Herzen*' an. Zu allererst ist dahin zu wirken, daß die Judenheit die fortschreitende Auflösung ihrer nationalen Einheit als Unglück zu fühlen beginne und in ihr der Wille zur nationalen Neubelebung allgemein erwache. Dann wird auch der Glaube an die Möglichkeit der Wiedergeburt in Zion immer stärker werden. „Je mehr das Verlangen unseres Herzens nach einem Gegenstande zunimmt, um so mehr wächst der Glaube an dessen Erreichbarkeit."**) Wer kann aber die grundlegende zionistische Vorbereitungsarbeit, die „Belebung der Herzen", verrichten? Jeder große, neue Gedanke auf religiösem, ethischem oder sozialem Gebiete braucht seine besonderen „Priester", die sich ihm völlig hingeben, selbstlos und aufopfernd für ihn leben und wirken. Erst wenn ihm auf solche Weise der Weg geebnet ist, folgt die Masse des Volkes nach. So braucht auch der Zionismus zunächst seine „Priester": sittlich hochstehende Persönlichkeiten, die sich als echte Träger des historischen jüdischen Volksich fühlen, in denen eine gewaltige, alle kleinliche Selbstsucht aufhebende Liebe zur Gemeinschaft glüht, und deren tiefste Lebenssehnsucht auf die Sicherung der Zukunft des jüdischen Volkes geht und auf die Erneuerung seiner ehemaligen kulturellen Schöpferkraft; im festen Glauben zugleich an die alleinige Möglichkeit dieser Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Lande der Väter. Von solchen „echten** Zionisten muß die Belebung der Herzen ausgehen.***) Es versteht sich ohne weiteres, daß eine Anzahl vereinzelt lebender Individuen, die einander kaum kennen und von denen jeder nur im Innern seinen Glauben und seine Hoffnung trägt, für ein so gewaltiges Werk nicht in Betracht kommen. Vereint dagegen könnten sie zweifellos Großes leisten. Daher ist der Zusammenschluß aller „echten" Zionisten nötig, ihre Zusammenfassung in einer festgefügten, einsichtig geleiteten Organisation.f) *) APD III S.20Öf.; IV S. 198 ff. **) APD IV S. 198f.; I S. 6, 79, 98f. ***) APD I S. 18f.; IV S. 198—227. t) APD IV S. 200ff.; I S. 29, 81; III S. 86. 26#