Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Der Zionismus Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 Schear Jaschub: verlangt — jedoch unter der „determinierenden Tendenz" des historischen" Endideals.*) Nunmehr erhebt sich die Frage, auf welche Weise der geistige Zionismus sein Problem zu lösen sucht. Wie will er die nationale Existenz der jüdischen Gemeinschaft für die Zukunft sichern? Es gibt nur ein Mittel, um der Zersplitterung wirksam zu begegnen: die Konzentration. Was heißt dies aber in unserm Fall? Von einer Sammlung aller oder der meisten Juden in eigenem Lande kann von vornherein keine Rede sein. Der Gedanke des „Kibbuz galujoth" gehört mit zum Inhalt des Endideals, der messianischen Hoffnung für „das Ende der Tage". In absehbarer Zeit und auf natürlichem Wege ist eine solche Sammlung einfach unmöglich.**) Die Konzentration muß daher von anderer Art sein. Bei der Entstehung einer Nation kommt einem „zentralen Mann" maßgebliche Bedeutung zu. Er bildet für die Individuengruppe den einigenden Mittelpunkt als die vorbildliche Persönlichkeit, auf die sich in „unterwürfiger Verehrung" der Nachahmungstrieb der Gesellschaftsglieder unwillkürlich richtet „infolge der Selbstentäußerung der niedrigeren Individualität vor der höheren". Ähnlich kann im Stadium der Auflösung ein Volk wiedergeboren werden. Zwar genügt dann nicht mehr ein zentraler Mann, wohl aber vermag ein zentraler Ort die Einheit der auseinanderstrebenden Glieder herzustellen — „ein zentraler Ort, der an und für sich und nicht durch einen zufälligen, zeitlich bedingten Umstand eine hinlänglich starke Anziehungskraft besitzt, um allen zerstreuten Teilen des Volkes ein gewisses Maß von „Selbstentäußerung" einzuflößen, dergestalt, daß die Wirkungen der von ihnen allen betätigten „wetteifernden Nachahmung" in jenem Ort ein ausgleichendes und einheitlich richtunggebendes Element finden". Für das jüdische Volk ist ein solcher zentraler Ort Palästina. Demnach vermag das Problem des geistigen Zionismus nur von Zion aus seine Lösung zu finden. Palästina ist wieder in den Mittelpunkt des jüdischen Lebens und Erlebens zu rücken; es muß zur Haupt- und Zentralstätte der jüdischen Eigenkultur ausgebaut werden, um so den auch weiterhin territorial getrennten Teilen des jüdischen Volkes sich als „Nachahmungszentrum" erweisen zu können. Es gilt die Schaffung einer großen, alle Zweige des Lebens umfassenden, kohärenten jüdischen Siedlung im Lande der Väter, welche ihre Bedeutung jedoch nicht in sich selbst erschöpft, sondern deren Bedeutung besonders in ihrer Wirkung auf die Diaspora besteht. Und in dieser Hinsicht, in seiner Eigenschaft als geistig einigender Mittelpunkt der Gesamtjudenheit aller Länder, geziemt dem „zentralen Orte" die Bezeichnung: geistiges Zentrum des jüdischen Volkes.***) Läßt sich aber streng beweisen, daß Palästina imstande ist, zum einenden Zentrum des jüdischen Volkes zu werden, daß die Einheit der jüdischen Gemeinschaft ausschließlich in und durch Zion wiedergewonnen und so die Integrität ihres *) APD I S.84; II S.28ff.; III S.53f.; IV S. 172,178. Zum Begriff Gegenwarts- und Endideal II S. 9. Uber das messianische Ideal als Inhalt des jüd. Volksich vgl. oben S. 2. **) APD I S. XIX; II S.25f., 100, 113; III S.X; IV S. 172, 179. ***) APD I S. 177, 8off.; II S.28f., 64L; III S.201; IV S. 115, 160, 180. Zu dem noch immer fast allgemein mißverstandenen Begriff des „geistigen Zentrums" IV S. 90—951 (Deutsche Ausgabe II. Bd. S. 168 ff.)