Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Der Zionismus Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 368 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Schear Jaschub: Auch der Charakter des jüdischen Volksich ist mithin material nach den vornehmsten historischen Erinnerungen und Begehrungen des jüdischen Volkes bestimmt.*) Wenngleich deren erschöpfende Erforschung Aufgabe einer eigenen verzweigten Wissenschaft bleibt, so herrscht doch über das Hauptsächliche keine Unklarheit. Zu den zentralen historischen „Erinnerungen" Israels gehört beispielsweise das Bewußtsein seiner geistig-sittlich verpflichtenden „Auserwähltheit".**) Und die geschichtlichen „Begehrungen" des jüdischen Volkes konzentrieren sich auf das messianische Unendlichkeitsideal, dessen grandioser Universalismus mit nationalen Hoffnungen einheitlich verschmolzen ist.***) Bedeutet also dem geistigen Zionismus das „jüdische Volk" die Judenheit, insofern ihr ein geschichtlich bestimmtes nationales Sonderich eignet, so muß ihm die „Zukunft des jüdischen Volkes" mit der Zukunft dieses Ich zusammenfallen. Er muß die Erhaltung und Neubelebung des jüdischen Volkes, die er anstrebt, als die Erhaltung und Neubelebung des nationalen Ich verstehen, des historischen jüdischen Volkstums, der jüdischen Kultur. Worin erblickt nun Achad Haam die Gefahr, welche die Zukunft des jüdischen Volkes derart bedroht, daß ihre besondere Sicherung zur dringlichen Aufgabe wird? Die erörterte Fassung des Begriffs des jüdischen Volkes läßt nur eine Antwort zu. In der wirtschaftlichen Not der jüdischen Massen kann die nationale Gefahr nich£zü suchen sein. Gewiß besteht die Pflicht, die Lage der Hunderttausende von Individuen, deren persönlicher Existenzkampf immer schwerer wird, zu erleichtern und zu verbessern, auf welche Weise und an welchem Orte es sei. Ohne Zweifel muß ein solches Hilfswerk „auch dem Volksganzen, dessen Teile jene Individuen sind, einen zeitlichen Nutzen bringen". Jedoch mit der nationalen jüdischen Zukunftsfrage, d. h. mit dem Problem des Zionismus, darf diese Mas senfrage nicht vermengt werden.f) Ebensowenig ist die Gefahr in. der „moralischen" Not der Juden der Gegenwart begründet. Wiederum sind es Individuen des Volkes, die hier leiden. Der „Antisemitismus" verletzt sie persönlich. Aber dieses ihr subjektives Empfinden und die objektive Notlage des Volkes als solchen sind zwei verschiedenartige Dinge.f f) J^as. die ,Zukionft des jüdischen Volkes bedroht erscheinen läßt, ist die gegenwärtige Verfassung seines nationaTerTTch^ ~ " Bis auf die Neuzeit wäT^'d^JulenE^f;~™frotz des Verlustes ihres Landes, imstande, wenigstens ihre Religion, Literatur und Sprache als „nationalen Fonds" mehr oder minder zu erhalten, ihre historischen Erinnerungen und Hoffnungen zu pflegen, kurz die Integrität ihres Ich einigermaßen zu wahren.fff) Eine wesentliche Änderung brachte indessen die Epoche der „Emanzipation". Der Anschluß der Juden an die moderne Kultur hatte zunächst die „Assimilation" zur Folge, die sklavische Nachahmung der höheren Kultur der Umwelt unter völliger Preisgabe der eigenen Individualität. Eine solche „Nachahmung der Selbstentäußerung" führt notwendig zum Untergang der nachahmenden Gesell- *) APD III S.91—94, 22of. **) APD II S.7if. ***) APD I S. i83f.; II S.29f.; III S.53f., 22of.; IV S. 172. t) APD I S. 24, 27, 161; II S. 26, 132. tt) APD II S.26ff., 101; IV S. 65 Anm. ttt) APD IV S. 116.