Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Der Zionismus Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 367 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Schear Jaschub: Der Zionismus Achad Haams 367 DER ZIONISMUS ACHAD HAAMS Der Umstand, daß Achad Haam seine Lehre nicht in die Form eines geschlossenen Systems gebracht hat, mag bis zu einem gewissen Grade das mangelhafte Verständnis und die Verkennung mitverschuldet haben, die ihr gegenüber noch immer zu konstatieren sind. Vielleicht trägt es zur Klärung bei, wenn der Versuch unternommen wird, zunächst einmal ihren zentralen Teil, der dem Namen nach als „geistiger" oder „Kultur"-Zionismus bekannt ist, in den Grundzügen systematisch darzustellen. Der 60. Geburtstag des Meisters bietet dazu erwünschten Anlaß. Die Zukunft des jüdischen Volkes, seine Erhaltung und Neubelebung, bildet das Problem des geistigen Zionismus.*) Zum Verständnis der Problemstellung bedarf es jedoch einer doppelten Erkenntnis. Es fragt sich, welcher Sinn dem Begriff des jüdischen Volkes eignet und worin die Sorge um seine Zukunft begründet ist. Wesentlich für den Begriff des Volkes ist das Merkmal der inneren, organischen Einheit, die hier nur in einem längeren Entwicklungsprozeß erreicht wird. Das Miteinanderleben zahlreicher Individuen und die entscheidende Wirksamkeit „zentraler Persönlichkeiten" in ihrer Mitte erzeugt nach und nach einen gewissen Gesamtgeist: ein Gemeinschafts-Ich, welches der Individuengruppe die innere Einheit und damit den Charakter eines Volkes verleiht. Ursprünglich also, in Ansehung seiner Entstehung, stellt dieses „Ich" ein sozialpsychisches Gebilde dar. Später dagegen, nachdem es einmal entstanden ist und in den Herzen der Gesellschaftsglieder Wurzel gefaßt hat, bildet es ein individualpsychisches Phänomen, eine selbständige, nur individuell erlebbare und unter Umständen tatsächlich nur noch von einzelnen Individuen des Volkes erlebte Gegebenheit.**) Um die Beschaffenheit des Volksich kennen zu lernen, geht man am besten vom Einzelich aus. Das Einzelich läßt sich nach den meisten Forschungen ungefähr bestimmen als ein aus innerer Vereinigung ,,sämtlicher Eindn^keLiui.d.F>rinne.rrir>gen lef JifeQS§ng^ und Hoffnungen der Zukunft" gewkkte^^dnheitliches organisches^ Gebilde4* geistiger Art, „das zugleich mit dem Körper des Menschen wächst und sich entwickelt".***) Zu der gleichen Auffassung neigen die Forscher hinsichtlich d^s^Volksich. Es erscheint als ein geistiges Gebilde, das aus der Vereinigung von Vergangenheit und Zukunft entsteht. Seine Konstituenten sind „Erinnerungen u^^ seit^ Hoffami^enjjL^ Begebungen andererseits, die sich miteinander verschlingen und verflechten und allen^Indivtdrüen des Volkes gemeinsam zukommen".f) Als komplexes psychisches Gebilde aus Vergangenheitserinnerungen und Zukunftstiegehrungen muß jedes Volksich zugleich mater ial bestimmbar sein. Aus der inhaltlichen Beschaffenheit der vornehmsten historischen Erinnerungen und Hoffnungen eines Volkes läßt sich jeweils die Eigenart seines Ich inhaltlich feststellen^ f) *) AI Paraschath Derachim I (3. Aufl.) S.23; II S. 28. **) APD IV S.69, 126. Vgl. auch I S.170L ***) APD I S. 157. t) APD I S.158; III S. 57. ff) Daß auch dem formal-psychologischen Moment für die Bestimmung eines nationalen Ich große Bedeutung zukommt, wird damit nicht in Abrede gestellt. Vgl. APD II S. 59 und besonders 117.