Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Achad Haam als Erzieher
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 365 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Achad Haam als Erzieher 365 Philister, diese unglückselig verkümmerte Ghettopflanze, anämisch, seelenlos und läppisch. Er führt das große Wort, er schafft Werte, er stürzt Götzen und baut Altäre, —1 wenn es sein muß, besingt er, mit der Ahnungslosigkeit des Unwirklichen, die Natur und die Liebe —• und schwitzt dabei. Smolenski, Braudes, Lilienblum, allen voran Juda Leib Gordon, kommen als Vorläufer einer neuen Zeit, sie selbst neue Menschen, die Erlebtes mitbringen und die etwas zu sagen haben. Aber ihnen liegen noch die letzten Reste vom „Maskil" in den Gliedern (anderes lasse ich hier unerwähnt) und hemmen ihren völligen Durchbruch ins Freie. Erst Achad Haam gelingt dieser Durchbruch. Nicht ihm allein: andere haben unmittelbar vor ihm und neben ihm Ähnliches gewollt und gewirkt (Perez, Frischman, Berdyczewski und vor allem Mendele Mocher-Sforim, der seinen neuen, eigenen Weg ging). Auch war sein Durchbruch nicht restlos: denn er —• auch er! — ist, mit der Suprematie der Intellekts („Schilton ha-Sechel") erblich belastet, im Bannkreise galutmäßiger Geistigkeit hoffnungslos stecken geblieben; der Weg zu ästhetischer Kultur, untrennbar vom Weg ins Freie, blieb ihm so gut wie verlegt. Dennoch darf man sagen: er war die entscheidende Stoßkraft bei diesem Durchbruch ins Freie, in dessen Zeichen unsere heutige Literaturentwicklung steht. Er war es durch sein Wort, mehr noch durch seine eigene literarische Tat. Sein Wort trug den Entwicklungsgedanken in unser versteinertes Schrifttum. Sein Wort sagte: „Die Entwicklung des Schrifttums steht im Zusammenhang mit der Entwickelung der inneren sittlichen Erkenntnis, diese letztere aber hängt mit der gesamten Lebensentwickelung des Volkes zusammen* *. . . „unser Schrifttum konnte sich nicht weiter entwickeln, so lange nicht freie Kraft zu neuer Erkenntnis in uns war, unabhängig von äußerer Autorität — dies meinte ich mit: Versteinerung" ... „Nur diese Versteinerung des Buches beklage ich — nicht das Vorhandensein des Buches an sich". .. „unsere Literatur hat jetzt ihr Daseinsrecht nicht mehr wie früher, als Übergang in einer anderen Welt, sondern als Wesensteil unserer eigenen Innenwelt. . ., sie soll uns die Innenwelt kennen lehren. .., wir haben uns lange genug berauscht und begeistert, nun wollen wir auch erkennen und verstehen." Seine literarische Tat aber sagte uns mehr. Sie erschien uns als reife Frucht, im Freien aufgeblüht, und sie wurde vorbildlich nach Form und Inhalt. Achad Haam sprengte zuerst die Fesseln des Haskala-Hebräisch, dieser lebensunfähigen Treibhauspflanze ohne Erdgeruch und ohne innere Beseeltheit. Er durchhieb den Knoten der „verheirateten Phrasen" des Biblismus und versuchte mit klaren Worten zu sagen, was er meinte: in seinen Schriften offenbart sich keimhaft die neue hebräische Prosa. Heute ist diese Prosa nicht mehr neu; heute schreiben andere lebendigeres, Weicheres, reicher nuanciertes Hebräisch. Er aber war ihr sieghafter Werkmeister, ihr Wegweiser, ihr Ausgangspunkt. Er goß aber auch neuen Inhalt in das neue Gefäß. Dem spielenden Dilettantengeist der Haskala gab Achad Haam den Gnadenstoß. In ihm sahen wir — wie nie zuvor in solcher Ausgeprägtheit — einen hebräischen Schriftsteller aus innerer Notwendigkeit, dem das Schreiben in tiefstem Sinne eine Art gottesdienstlicher Handlung war, die er in voller Reinheit und Unbedingtheit übte, als Endergebnis innerer Sammlung und vertieften Erkennens. Andere waren fruchtbarer als er, haben leidenschaftlicher, mit heißerem Atem ihre Wahrheiten verkündet — aber keinem ist eine gleiche wegweisende, vorbildliche Wirkung auf die Zeitgenossen