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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 364

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Achad Haam als Erzieher
Date
1916-09-01
Page
364 (sequence 4)
Language
German
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364 M. Ehrenpreis: die Juden, die in wilder Flucht vor ihrem angeborenen Ich nur Menschen sein wollten. Zwischen diesen Nurjuden und diesen Nurmenschen suchten ihre jungen Seelen den Weg zur Ganzheit, die Synthese. Ein gradliniger Kompromißgeist sagte ihnen: Sei Mensch draußen und Jude daheim (Gordon). Sie aber empörten sich gegen eine solche doppelte Buchführung des Lebens; sie wollten immer ganz und immer echt sein, nach außen und nach innen: menschgewordene Juden, jüdischgebliebene Menschen. Den Auserlesenen war das nicht bloß Schicksalsproblem der Gesamtheit — Nationalismus oder Assimilation, ihnen war es zugleich das tragische Problem ihrer eigenen Persönlichkeit, an die tiefsten Wurzeln ihrer Menschlichkeit rührend: Halbheit oder Ganzheit, Zerrissenheit oder innere Einheit, Schein oder Sein. Da erschien Achad Haam, um in diese schmerzlich dunkle Seelenpein hineinzuleuchten. Und mit seinem Kommen wurde es heller in den Seelen. Es leuchtete sein tiefes, helles Wort; es leuchtete aber noch mehr seine zur Ganzheit gereifte Persönlichkeit. Sein Wort sagte: „Werdet Menschen daheim**, d. h. erneuert euer altes Erbe, füllet die alten Gefäße mit neuem Inhalt, befreit euch, indem ihr daheim, indem ihr im Jüdischen wurzeln bleibt, von aller Krankhaftigkeit, Verkümmertheit, Unwirklichkeit des Galut. Oder: „Verjünget das jüdische Herz, verbindet es von neuem unmittelbar mit dem Leben, jedoch so, daß es weiterhin das jüdische Herz bleibt". Schließlich: ,,. .. es muß das Zentrum des Ganzen sein: das lebendige Streben des Herzens nach des Volkes Einheit, Wiedergeburt und freier Entwicklung, dessen Urgeiste entsprechend, auf allgemeinmenschlichen Grundlagen**. Seine Persönlichkeit jedoch sagte uns mehr, sagte Entscheidendes: Hier, in mir, ist die Synthese, die ihr suchet. In mir sind Orient und Okzident zur Einheit zusammengewachsen. Ich fühle jüdisch und denke europäisch. Ich bin Jude, dem nichts Menschliches fremd ist; und ich bin Mensch in der angeborenen jüdischen Prägung, die als Erbschaft von Jahrtausenden in mir lebt und wirkt. Ich habe es nicht nötig, mich vor der lebendigen Wirklichkeit abzuschließen, um weiter Jude bleiben zu können. Und ich brauche nicht mir selbst mein Judesein wegzudisputieren, um Mensch unter Menschen sein zu können. (Vgl. AI Paraschat Derachim, I, 132). So wurde uns sein menschliches Vorbild Erziehung zur Synthese. Als er in unsere Literatur trat, war diese im buchstäblichen Sinn — erziehungsbedürftig. Das nachmendelssohnsche hebräische Schrifttum, von Wessely bis Zederbaum (ich kann diese Entwicklung hier nur leise andeuten), war, mit europäischen Augen gesehen, in seiner Totalität „unerzogen**, d. i. undiszipliniert, unausgereift, systemlos, ohne Richtlinien und ohne Führung. Es fehlte durchaus nicht an starkem Können, an Fertigem, an ehrlichem Ringen schöpferischer Kräfte — auf dem Ganzen jedoch lastete der Fluch der Unreife. In sonnenloser Verkümmertheit aus einem kleinen Liebhaberkreise (Measfim) emporgewachsen, ohne organische Treibkräfte, ohne lebendigen Zusammenhang mit dem Volke, wucherte es ein Jahrhundert lang fort, ungepflegt, ungefördert, sich selbst überlassen, gleich wilden Feldblumen, die keine Gärtnerhand berührt. Das Reif gewordene (wie: Krochmal, Mapu, Micha Lebenson) wird unheimlich von Unkraut überwuchert, förmlich verschüttet. Es herrscht der „Maskil", der weltfremde, unberufene, tändelnde Aufklärungs-

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