Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Achad Haam als Erzieher
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Achad Haam als Erzieher 363 stets unzufrieden und ungläubig, unmotivierte Begeisterung dämpfend, ausschweifende Hoffnungen grausam vernichtend, neinsagend zu jedem herdenmäßigen Ja — ein strenger Onkel, ein Spaßverderber und ein Trübsinnblaser (ein „Owel" unter „Chassanim", wie er sich selbst nennt), im Herzensgrunde ein von zärtlicher Liebe erfüllter Mahner, Aneiferer, Förderer zu wahrerem, ganzerem Tun. So wurde er uns zum Erzieher. Nur von ganz wenigen repräsentativen Juden der letzten Jahrhunderte kann dies gesagt werden: daß sie durch die Totalität ihrer Persönlichkeit (nicht durch diese oder jene Einzeltat), als vorbildliche Menschen von geschichtswirkender Kraft, zu Neugestaltern unseres Volkslebens geworden sind; daß ihr Leben ihre folgenschwerste Tat war. Dies gilt —■ in ungleichem Sinne freilich — von Israel Baalschem, von Elia Gaon, in einer gewissen Richtung auch von Theodor Herzl. Dies wird man uneingeschränkt von Achad Haam sagen dürfen. Der einzigdastehende, noch in steter Ausbreitung begriffene Einfluß, den Achad Haam auf unser Denken, auf unsere Literatur, auf unsere Bewegung übte —1 heute in seinen Folgen noch nicht ganz übersehbar —* war letzten Endes weit mehr das Werk der großen Persönlichkeit, als das des Denkers, des Schriftstellers, des Tatenmenschen. Was seiner bewußten Aktivität versagt blieb, das wird allmählich durch die Tatsache seines Daseins verwirklicht. Er konnte nicht unser Führer werden, aber er wurde unser Gewissen. Nicht mit stürmender Gewalt brach er in unser Denken ein, uns plötzlich überwältigend. Wenn Bialik ihm als einen Propheten huldigt, so ist das eine summarische Bezeichnung; denn ihm fehlt das monumentale Pathos der Propheten, die faszinierende, suggestive, menschenbezwingende Gewalt ihres Wortes. Auch fehlt ihm ganz und gar die Geste, die große Linie, der königliche Faltenwurf, welche die Menschen so mürbe machen. Aber sein nach innen gekehrtes Pathos des Glaubens und des Wollens, der unbesiegbare Heroismus seiner Überzeugung, die ruhige, beständige Leuchtkraft seines nie getrübten Denkens bahnten ihm, dem einsam Trotzenden, unaufhaltsam, wenngleich kaum merklich, den Weg zu den Herzen, selbst dort, wo die Köpfe Nein zu ihm sagten. Die Zahl seiner Widersacher wuchs mit jeder seiner öffentlichen Kundgebungen, aber je heftiger man sich gegen ihn auflehnte, desto größer wurde seine Macht über die Gemüter, Man bekämpfte ihn leidenschaftlich, man tat ihn in Acht und Bann, —1 aber das Fluidum, das von ihm ausströmte, drang allmählich in die Poren und wirkte reinigend und erneuernd. Man wollte sich von ihm nicht führen lassen, aber dann begab es sich, daß man doch Wege ging, die er gewiesen hatte. So wurde er uns zum Wegweiser. Als er in unser Leben trat, war unser Denken richtungslos. Er fand uns in der Dämmerstunde zwischen zwei Geschichtstagen, eingeklemmt zwischen sich schließenden und sich öffnenden Türen —1 am Scheidewege. Ein Geschlecht neuer Juden war im Anzüge, mit dem Staub der Judengasse an ihren Füßen und mit dem Traum von einem neuen Leben in ihren brausenden Köpfen. Zwischen der Judengasse und der weiten Welt lauerte —■ hüben wie drüben — der Fluch der Halbheit und sie wollten Ganze werden. Hinter ihnen standen die Wurzeltiefen, die Juden, die nur Juden bleiben, die mit ihrer jenseitigen Geistigkeit, von allen Wirklichkeiten tosgerissen, nicht ganze Menschen werden konnten. Vor ihnen — die Entwurzelten,