Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Achad Haam als Erzieher
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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362 M. Ehrenpreis: dämmern des Baseler Zionismus; die von ihm großzügig gedachte Enzyklopädie des Judentums harrt noch immer ihrer — jetzt mehr als je — wünschbaren Verwirklichung; sein Schmerzens- und Lieblingskind, der „Haschiloach", ging in andere Hände über. Aber diese Wesensart bedingte zugleich auch seinen großen Lebenssieg, jetzt schon allen sichtbar: daß er, einsam auf hoher Zinne stehend, zum Erzieher unseres Geschlechtes wurde. Als er vor nahezu drei Jahrzehnten, geräuschlos und fast scheu, mit der strengen Wahrhaftigkeit unserer alten Gesetzeslehrer und mit der keuschen Verinnerlichung, die er vom Chassidismus mitbrachte, in die gärende Wirrnis des eben erwachenden Lebens eines neuen Judengeschlechtes trat, erschien er uns vom allen Anbeginn als ein Erster und ein Einziger. Nicht (wie manch anderer) keuchend und schwitzend trat er vor uns, mit den Fetzen einer zerrissenen Seele. Wir sahen nicht, wie er rang, wie er suchend und überwindend, zerstörend und bauend, mitten in der abgrundtiefen Gegensätzlichkeit zwischen Ererbtem und Erworbenem, über Ruinen und Trümmer hinweg, den Weg zu innerer Ganzheit fand. Er kam zu uns, nachdem er mit sich selbst im Reinen war, um nach überstandener Götterdämmerung im Buche des jüdischen Geistes ein neues Blatt zu beginnen — ein Erster und, zunächst, ein Einziger. Alles war neu und einzig an ihm: seine Unbedingtheit und sein Wahrheitsfanatismus, beide wesensverwandt mit unserem Prophetentum (hier ist ein Wort am Platze, das von Taine gesagt wurde: eine jheroische und systematische Aufrichtigkeit); die galutfreie Vornehmheit seiner Gesinnung, verbunden mit einer fast organischen Auflehnung gegen alles Pöbelhafte und Herdenmäßige in Leben und Schrifttum; seine Kraft der Selbstbeschränkung (das kabbalistische Zimzum), jenes entschlossene Sichverankern in einem Lebenszentrum, wo alles zusammenströmt und von wo alles ausstrahlt. Neu war weiter sein Hebräisch, getränkt mit allen Säften einer jahrtausendealten Entwicklung, zugleich diszipliniert durch einen angeborenen Hang zur Exaktheit, diese gewissermaßen entstaubten, entlarvten, neugeschliffenen, wieder blank gewordenen Worte, die anstatt des dumpfen halberstorbenen Nachklanges sich wieder mit Leben füllten, die Wirkliches aussagten, in Ehrlichkeit und in gebundener Keuschheit. Neu und einzig war ferner sein Stil, von einfach edler Linienführung, den etwas wie ein Abglanz aller Kostbarkeiten vergangener Zeiten durchleuchtet: die kristallene Klarheit der Mischna, die philosophische Prägnanz der Tiboniden, die dialektische Schärfe der ersten Gesetzeslehrer, mit einem Hauch von der Tiefinnerlichkeit der klassischen Emanationen des Chassidismus — alles das in harter Arbeit und strenger Selbstzucht zu einer Einheit geschmiedet, die höchstpersönlich ist und nur ihm gehört. Einzig und unerhört war endlich seine Denkrichtung: daß er sich mit einem kühnen Ruck jenseits des Chaos von jüdischen „Fragen" stellte, welche in auseinandergerissener Buntheit unsere Luft durchschwirrten, um das Ganze der Judenexistenz in Frage zu stellen; daß er sich von den jüdischen Einzelproblemen zur Problematik des Judentums erhob. So trat Achad Haam vor uns als erster Jude mit einer anderen, neuen Physiognomie: ein Ganzer in einem Geschlecht von Zerrissenen; ein Klarer unter Verworrenen; ein Wegkundiger unter Suchenden; ein Bekenner unter Rhetoren. So blieb er unter uns bis auf den heutigen Tag, ein Einsamer, ein Einziger: seit nahezu drei Jahrzehnten schreitet er als die leibhaftige „ideale Forderung" durch unser Leben und durch unsere Literatur, stets mit dem warnenden Zeigefinger,