Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die nationale Bedeutung Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 360 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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36o Hugo Bergmann: Die nationale Bedeutung Achad Haams liehe Meinung zur Dirne machten, daß sie aber in ihrer Sprache einen Achad Haam -haben, einen Publizisten, an dessen Vorbild die Welt, deren schwerste Krankheit vielleicht heute „Presse" heißt, wieder genesen könnte? Und es macht unserm Volke alle Ehre, daß es diesem unerbittlichen Wahrheitsentdecker, diesem grausamen Zerstörer aller Illusionen ehrfürchtig lauscht. Jeder seiner Artikel ist ein Ereignis und die gesamte öffentliche Meinung horcht auf, wenn dieser einsame strenge Richter das Wort nimmt. Ich sage: er ist in seiner Nüchternheit voll grenzenloser Hoffnungen. Er, der immer wieder auf die Realität hinweist, der die Größe Palästinas, die Fruchtbarkeit seines Bodens, die Kosten der Ansiedlung auf das peinlichste in Rechnung stellt und vor jeder übereilten Hoffnung warnt, glaubt ohne jeden Beweis an das Größte, an die überwältigende Kraft einer neuen jüdischen Kultur. Daß in Palästina eine kleine oder mittelmäßige Kultur entstehen könnte, die keineswegs über die Grenzen des Landes hinauszustrahlen brauchte — diese Möglichkeit besinnt er gar nicht. Das „Zentrum" in Palästina soll das geistige Leben der gesamten Judenheit entscheidend beeinflussen und soll die Juden der Zerstreuung, die (wie Achad Haam oft betont) im übrigen sozial, ökonomisch, politisch in ihrem Heimatlande verwurzelt bleiben, dennoch geistig aus dessen Zusammenhängen herausreichen und nach Palästina orientieren —■ —• —Wie ungeheuer glaubensstark wird da doch dieser allzeit nüchterne, kühle Mann, wo es um die Erfüllung unseres nationalen Schicksals geht. „Israels Erlösung wird durch Propheten geschehen und nicht durch Diplomaten" — mit diesen Worten schließt Achad Haam seine Betrachtung nach dem ersten Kongreß. Würde ein anderer hebräischer Schriftsteller solche Worte wagen, so würde man versucht sein, sie als jenes Wortgeklingel zu betrachten, das leider im Hebräischen häufig ist, weil die bilderreiche Sprache leicht zuchtlos wird. Aber Achad Haam spricht sie, der nie ein Wort zuviel sagt, der sich ängstlich vor jeder Übertreibung hütet, dessen Worte von so stolzer Einfachheit sind. Es ist ihm tiefster Ernst! Israels Erlösung wird durch Propheten geschehenI So tief glaubt Achad Haam an unser Volk. Dieser tiefe Glaube ist die Quelle seines Stolzes wie seiner Kraft. Seines Stolzes — man denke an die ewig denkwürdigen Worte von der äußern Freiheit und der innern Knechtschaft, die er den Westjuden entgegenschleuderte. Seiner Kraft — denn wahrlich auch ihm sind Zweifel nicht erspart geblieben. Die erschütternden Worte, die er bei einem seiner ersten Palästinabesuche an der Klagemauer niederschrieb, sind ein um so ergreifenderes Zeugnis, je seltener solche Gefühlsausbrüche bei dem abgemessenen Achad Haam sind. Diese Stimmung der Verzweiflung kehrt in seinen Schriften nicht mehr wieder; dafür immer stärker und öfter der Gedanke von der schließlichen Berufung seines Volkes. Er sieht das Weltgeschehen gern in dem Bilde einer Resultante aus mehreren Kräften und jedes Volk ist ihm Träger einer Kraft. Die Kraft, die unser Volk im Geschehen der Welt einsetzt, ist die prophetische Idee. Die Propheten waren nicht nur Söhne unseres Volkes, sie leben noch heute in ihm fort; indem das Volk sich selbst realisiert, muß es jene Ideen verwirklichen. „Jüdische Kultur" — das ist nicht Schmuck und Zier, das ist eine Forderung. Auf ganz verschiedenen Wegen kommen Achad Haam und Martin Buber in diesem Punkte zusammen. Auch frühere sprachen so. Aber erst Zionisten konnten erkennen, daß das Wort von den Juden als den