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Der Jude · 1916-09-01 · Heft 6 (September 1916) · p. 359

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 6 (September 1916)
Article
Die nationale Bedeutung Achad Haams
Date
1916-09-01
Page
359 (sequence 2)
Language
German
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Die nationale Bedeutung Achad Haams 359 zur moralischen Frage; Achad Haam ist ein Stilschöpfer, weil er absolut ehrlich, ohne die geringste Phrase und Pose, streng gegen sich selbst und gegen andere, und weil er bis ins Mark hinein von seinen Worten überzeugt ist. Ich wollte von der Peripherie seines Wirkens ausgehen und stehe schon im Mittelpunkt seines Wesens. So ist dieser Mann! Er gab uns die Idee des „geistigen Zentrums". Er gab sie uns nicht nur, er hämmerte sie uns ein. Mit einer Unermüdlichkeit sondergleichen wiederholte er immer wieder diesen einen Gedanken, daß das Geistesleben der Juden in aller Welt einen Mittelpunkt braucht, zu dem es hingravitieren muß; und daß Palästina dieser Mittelpunkt werden muß, nicht weniger noch mehr. Ich will hier nicht zu den vielen Kritiken der Achad Haamschen Grundidee eine neue hinzufügen. Es kommt, um Achad Haam zu würdigen, gar nicht so sehr viel darauf an, ob die Idee eines geistigen Zentrums für ein zerstreutes, allüberall mannigfachen Kulturen unterworfenes Volk durchführbar ist oder nicht. Aber sehen wir die Persönlichkeit, die hinter der Propaganda für diese Idee steht, sehen wir die Gesinnung, der eine solche Idee entwachsen konnte; dann haben wir Achad Haam besser verstanden, als wenn wir seine Ideen inhaltlich zergliedern und kritisieren wollten. So ist er: nüchtern und kritisch, daß uns die Kühle seines Urteils zur Verzweiflung treibt, träumend und gläubig, daß er die Kritik herausfordert, und unbeirrbar sicher, fest — o wäre uns allen solche wankenlose Überzeugung beschieden! Ich sage: nüchtern und kritisch. Er fährt zu dem Kongreß, der seit Jahrhunderten zum erstenmal die Abgesandten des Volkes zusammenführt, und sitzt in all dem unendlichen Jubel des Wiederfindens nach seinen eigenen Worten wie ein Trauernder beim Hochzeitsschmaus. Fast hat ihm die Geschichte die Rolle einer Kassandra zugeteilt. Denn immer wieder, wenn die Wogen der Begeisterung über einen nationalen Erfolg hochsteigen, ertönt erbarmungslos, abkühlend seine Stimme, die mahnt: Noch ist nichts erreicht, noch habt ihr nur Worte, noch ist wenig vollbracht, besinnt euch —• weit, weit ist unser Weg ... Wie oft zuckten wir schon zusammen ob dieser bittern, verletzend kalten Rede, wieviel Freude hat er uns schon gestört mit seinem ewigen Mahnen: „Nicht dies ist der Weg!"*) Aber diese Kritik entstammte keinem Nörgelnwollen. Sie kam aus grenzenloser Ehrlichkeit und offenem Mut. Welche Bedeutung eine solche Ehrlichkeit und solcher Mut für ein Volk hat, mag am besten das Geschehen dieser Tage lehren. Man denke sich einen Publizisten, der erbarmungslos jeden Siegesbericht zerpflücken würde, nicht um des Widerspruchs willen, sondern weil er immer mehr will, als erreicht wurde, weil ihm noch immer nicht der Augenblick gekommen scheint, die Wimpel im Winde flattern zu lassen. Wie kräftig müßte ein Volk sein, das solches ertrüge. Achad Haam verlangt diese Kraft von seinem Volke: nüchtern die Wahrheit sehn, sich nicht selbst betrügen und dennoch immer weiter wollen! Hier wächst Achad Haams Persönlichkeit weit hinaus über das Jüdische in das Allmenschliche* Er stellt den Typus dar, nach dem nie mehr als heute die Welt verlangt: den Publizisten, wie er sein sollte, ebenso unermüdlich wie wahr, ebenso unbestechlich wie glaubensstark. Ist es nicht merkwürdig, daß die Juden in allen Sprachen die Journalisten erzeugten, welche die Überzeugung zur Ware, die öffent- *) Der Aufsatz „Nicht dies ist der Weg" und der ebenso charakteristische über den ersten Kongreß sind jetzt auch in der zweibändigen deutschen Ausgabe des Jüdischen Verlags nachzulesen.

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