Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Die nationale Bedeutung Achad Haams
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 361 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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M. Ehrenpreis: Achad Haam als Erzieher 361 Trägern der prophetischen Ideen Farce und Phrase ist, solange wir nicht wieder in die Geschichte eintreten. Eine historische Kraft im Spiele aller Kräfte —1 damit fängt alles bei uns an. Ein deutscher Politiker, ich glaube Naumann, soll einem der vielen Menschheitserlöser, der ihm mit einer „Idee" kam, geantwortet haben: „Werden Sie eine politische Macht, dann kommen Sie wieder!" Erst wenn wir wieder im Rate der Völker etwas zu sagen haben, wenn wir unser eigen Haus wieder gebaut, in Schule und Gemeinde gezeigt haben werden, daß unser Volk noch schaffende Kräfte hat, dann erst kann unser Volk Sachwalter seiner hehrsten Ideen in der Menschheit sein. Wir fühlen heute, was ein Volk der Menschheit bedeutet, das auch nur gleichmäßig kühl über allen Parteien steht. Was erst wäre ein Volk, das würdig befunden würde, tätiger Schützer alles Rechten zu sein; tätig: nicht durch Gewalt, sondern durch den Geist jedes Einzelnen. Das Wort des Propheten Secharja: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist" ist charakteristisch für Achad Haams Auffassung aller nationalen Arbeit. Wie intensiv leben doch, bewußt und unbewußt, die Ideen der Propheten im Herzen all unserer Führer! Der eine, der ihren Text nicht kennt, spricht doch ihnen gleich: „Im Anfang war die Idee"; der andere ist sich des Zusammenhanges deutlich bewußt. Aber immer wieder ist es dieselbe Grundüberzeugung: daß die Entscheidungen der Menschheit im Geiste bereitet werden, und daß alles äußere Geschehen nur Spiegelbild und Schatten des inneren Wesens ist. So hat Achad Haam die nationale Aufgabe begriffen, so hat er sie in seinem Orden „Bne Mosche" zu verwirklichen gesucht: alles Schicksal des Volkes wird entschieden durch den Geist, in dem jeder Einzelne erzogen wird. Die nationale Frage ist nicht ein Machtproblem. Die Macht wechselt und vergeht, entscheidend allein ist der Geist. Unsere Führer können das Volk nicht zur Macht führen. Aber sie bereiten, sie erwecken den Geist. Im Felde Hugo Bergmann ACHAD HAAM ALS ERZIEHER (Ausschnitt aus einer Studie) Dies erscheint mir als das Entscheidende, beinahe als das einzig Bleibende: Achad Haams erzieherische Tat. Was wir heute an den Leistungen des Denkers und Schriftstellers im einzelnen bewundern — das sind letzten Endes möglicherweise relative Werte, Naheindrücke, veränderlich bei fortschreitender Distanzierung. Und seine praktische Tat? Das organisierte Schaffen war ihm wesensfremd. Seine Lebenstragik liegt just darin, daß er Zeit seines Lebens als Abseitiger neben den Strömen gehen mußte: er ist zu sehr von seiner Wahrheit erfüllt, um, in parteimäßiger Einordnung, Geführter zu sein; und er steht als Unbedingter allzu fremd und hilflos vor der Bedingtheit der Wirklichkeit, um Führer zu sein. Deshalb lagert auf seinen zaghaften praktischen Versuchen der Schatten des Mißlingens, sie tragen gleichsam schon in ihrer Geburtsstunde das Kainzeichen des „nissajon schelo hizliach": die Geheimorganisation Bne Mosche verschwand beim Herauf-