Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 357 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ost und West 357 gefunden haben, die das große Bedürfnis der Erkenntnis unseres Selbst und den Kulturwert dieser Erkenntnis erfaßt, die die Wahrheit erkannt haben, daß die äußere Vereinigung von Judentum und Menschentum, indem man diesem in unserer Literatur „Gleichberechtigung** erteilt, keine Lösung unserer Kulturfrage bedeutet. Diese erheischt vielmehr eine Pfropfung der allgemeinen Kultur auf das Wesen des Judentums, so daß sie uns aus unserer Innenwelt heraus zu einer Entwicklung unserer Selbsterkenntnis und zu einem Erfassen unserer Bestimmung verhelfe. Vor sechs Jahren haben die Jungen mit großem Lärm eine plötzliche Revolution angekündigt, wollten Welten niederreißen und Welten aufbauen. Sie aber, meine Herren, sprechen leise und bescheiden davon, was ohne Zweifel jeder „Umwälzung" vorangeht: vom Wissen und von der vollen Erkenntnis des Bestehenden, des Grundes, auf dem es steht. Nur durch eine solche Erkenntnis kann man auch wissen, was niedergerissen werden kann und soll und wie es niedergerissen werden kann und soll, was gebaut werden kann und soll und wie es gebaut werden kann und soll, oder, wie Sie es ausdrücken: „die Bestimmung unseres Volkes aufzuzeigen und aus der Erkenntnis heraus seinen Zukunftswillen zu entfachen." Und ferner freute ich mich, in Ihnen selbst, in Ihrem Streben nach einer Wiedergeburt unseres Volkes und seiner Eigenart einen gesunden nationalen Kern zu finden. Aus diesem wird vielleicht allmählich unter unseren westlichen Brüdern jene wahre nationale Überzeugung hervorsprießen, deren Mangel wir so sehr empfinden. Wer sieht nicht, daß die ganze nationale Bewegung der Westjuden in der Luft schwebt? Sie hat keine innere Grundlage und kann sich nur auf den Haß der Umwelt draußen stützen. „Der gemeinsame Feind" —• das ist die Haupttriebfeder für alles, was dort im jüdischnationalen Sinne geschieht. Eine solche Triebfeder mag vielleicht genügen, Getrennte zu einer äußeren, vorübergehenden Tat zu einigen. Ein wahres nationales Leben, ein wahrer nationaler Wille kann nur durch ein inneres Erwachen entstehen, nur durch die Entfaltung der vollständigen nationalen Erkenntnis im Herzen des Volkes: der Erkenntnis seiner historischen Wesensart und ihrer Entwicklung in der Vergangenheit, der Erkenntnis seiner Einheit, die trotz der gegenwärtigen Zerstreuung durch einen alles belebenden Gemeinsinn besteht, der Erkenntnis seiner Bestimmung, die ihm aus der Ferne entgegenblickt und seine Gefühle und seine Kräfte aus dem tiefen Schlummer wachrüttelt, unablässig und unermüdlich zu arbeiten, bis es sich den ihm gebührenden Platz in der Menschheit erobert haben wird. Möge es Ihnen, meine Herren, gelingen, diese Erkenntnis in viele Herzen unserer westlichen Jugend zu pflanzen —■ in die Herzen jener, die noch nicht, wie ihre Vorfahren, einer vollständigen Assimilation im Geiste anheimgefallen sind —1 dann werden Sie das Recht haben zu sagen, daß Ihr Verdienst um die nationale Wiedergeburt größer ist als das der „Alten". Jene haben den Stoff zusammengetragen, ihr habt ihm eine Form gegeben. Jene haben einen Automaten geschaffen, ihr habt ihm eine Seele eingehaucht. Nachbemerkung des Herausgebers Der Absatz unseres Rundschreibens von 1903, aus dem Achad Haam einige Worte anführt, lautet vollständig: „Nicht wie die meisten wollen wir ein Stück aus dem lebendigen Organismus der Nation herausreißen und es als das Judentum, als den Inbegriff seines Wesens