Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 358 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Hugo Bergmann: und seiner Bestimmung hinstellen. Wir wollen nicht von einer mehr oder minder niedrigen Parteiwarte aus die Erscheinungen eines großen Volksschicksals messen. Eine junge Generation, geschaffen von diesem Schicksal und von ihm getragen, will die vielen Probleme, die sie staunend auf ihrem Wege findet, von klaren unbefangenen Augen erfaßt und von sicheren Händen dargestellt sehen, um sie ganz zu erkennen. Für diese Generation, die ihr Volk in sich erlebt, ist das Judentum nichts Gewesenes und Abgeschlossenes und nichts in starre Formeln Gebanntes, sondern das lebendige Volkstum in seiner ganzen Weite und Tiefe, in seiner Vielfältigkeit, in allen seinen Formen und Kundgebungen. Aber nicht um seiner selbst willen soll der Erscheinungskomplex des modernen Judentums gesucht und aufgedeckt werden. Es soll versucht werden, die Bestimmung des Volkes aufzuzeigen und aus der Erkenntnis heraus seinen Zukunftswillen zu entfachen." Es sei hier noch eine andere, programmatisch nicht weniger wichtige Stelle des Rundschreibens wiedergegeben: „Endlich möchten wir, entsprechend der Anschauung, daß die Entwickelung des jüdischen Volkes nur eine Teilerscheinung der allgemeinen Menschheitsentwickelung darstellt, und daß vor allem die jüdische Renaissance nur im Zusammenhange mit der die moderne Gesellschaft und das moderne Völkerleben bewegenden Ideen verstanden werden kann, alle Allgemeinprobleme, insofern sie sich auf das Judentum und sein Schicksal beziehen lassen, in die Untersuchung einschließen." DIE NATIONALE BEDEUTUNG ACHAD HAAMS or einiger Zeit hat jemand darauf aufmerksam gemacht, daß Bismarcks Per- V sönlichkeit das deutsche Volk erst intensiv zu beeinflussen begann, als seine Tagebücher und Briefe bekannt wurden. Eine paradoxe Bemerkung, in der doch zweifellos viel Wahres enthalten ist. Die Taten des großen Staatsmannes wirken weniger als die Persönlichkeit. Das Tun bestimmt das äußere Schicksal, aber es ist noch nicht stark genug, das Wesen des Volkstums zu wandeln. Viele wirken, aber weniger Persönlichkeit wird Besitz ihres Volkes. Und erst sie hat die wandelnde Macht. Darum soll uns am Festtage Achad Haams dies Eine vor allem bewußt werden: daß er einen reinen und hohen Typus des Juden darstellt. Demgegenüber tritt all das Einzelne zurück, was Achad Haam geleistet hat, so vieles und so großes es auch sein mag. Über dieses Einzelne wird ja in diesen Tagen vieles gesagt werden, hier sei nur kurz darauf hingewiesen. Er schuf uns den hebräischen wissenschaftlichen Stil. Philologen müßten dies im Detail zeigen. Der Laie fühlt es nur. Der Stil — das ist aber nicht eine Frage von Worten und Wortbildungen, auch nicht in erster Linie eine Frage der Syntax, obwohl dieses Problem im Hebräischen ein sehr ernstes ist. Achad Haam hat selbst darauf hingewiesen, daß der Weg zum Stil über den Gedanken führt. „Pflegt nur den Gedanken, er wird von selbst die Sprache heben." Der Inhalt, ist er nur stark und klar genug, schafft sich selbst sein sprachliches Gewand. Der Stil wurde