Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 356 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Achad Haam: verschmelzen, aus einer Quelle ihre Nahrung schöpfen; und unser Schrifttum sollte keinen Unterschied zwischen ihnen mehr kennen wird. Vergebens versuchte der Redakteur, ihnen klarzumachen, daß er ihnen eben das geben wolle, wessen sie bedürften: daß wir eine wirkliche innere Synthese von Ost und West nur auf dem Gebiete des Judentums erreichen könnten, indem dieses die Elemente der westeuropäischen Kultur absorbiere und gemäß seiner Eigennatur verarbeite, alles, was ihm unzuträglich ist, ausscheide, das andere in eigen Blut und Fleisch wandle, so daß es nicht mehr Fremd-, sondern Eigenkörper sei. Jenseits des Judentums verschwindet unser Geist in einem endlosen Meer. Sobald wir uns auf dem Gebiete der allgemeinen Kultur versuchen, können wir jenes fremden Geistes, der uns im Galut von allen Seiten umfängt, nicht Herr werden. Gegen unser Wollen erhält dann unser Schaffen eine Form, die —■ von Ausnahmefällen abgesehen —■ fast nichts mehr von unserer Eigenart aufweist. Jene geforderte „Grenzverwischung" könnte nichts als ein „mechanisches Gemenge" sein, in dem die Probleme des Judentums und die der Außenwelt nebeneinander hergehen, ohne inneren Zusammenhang. Wie also könnte dadurch jenem „Riß im Herzen" abgeholfen werden? In diesem Sinne sprach der Herausgeber, aber vergebens. Die „Jungen" verharrten bei ihrer Ansicht, daß die Hilfe nur von einer Aufhebung der Grenzen zwischen Ost und West zu erwarten sei; nur dann, wenn unsere Literatur allen Gegenständen der Menschheit offen stehen würde. Inzwischen traten große Änderungen in unserem Leben ein und jener Mustertypus eines Jungjuden, den die „Jungen" in der Literatur ersehnt hatten, entstand im Leben. In Basel vereinigten sich Ost und West unter der Flagge des Zionismus zu einem Lager. Dieser Versuch hat, wie mir scheint, offen und klar bewiesen, daß sich jene zwei Elemente nur auf dem Gebiete des Judentums von innen zu einer schöpferischen organischen Verbindung zusammenschließen können. Die Ostjuden, die die Geisteskraft ihres Volkes, seine Fähigkeit, neuen Samen in sich aufzunehmen und neue Frucht zu tragen, in den Tiefen ihrer Seele empfinden, hatten sich durch diese Verbindung dem Westen genähert, ihren Geist mit manchen erlesenen Kulturgütern Westeuropas bereichert, deren Spuren sich in ihren Taten zeigen. Die Westjuden aber, die vorher außerhalb des Judentums standen, blieben auch nachher draußen. Nur äußerlich —1 für gewisse praktische Zwecke —1 sind sie mit dem Osten verbunden, ohne daß die Spur eines Einflusses von Ost sich ihrem Innern eingeprägt hätte. Trotz der „Verbrüderung", trotz all der schönen Lobesworte zu Ehren des Judentums, die sie im Bedarfsfalle ertönen lassen, blieben die westlichen Juden auch unter der Flagge des Zionismus, was sie vorher gewesen: Produkt einer fremden Kultur, das nichts vom Judentum inne hat, das von seinem Eigenen nichts preisgeben kann noch will, um sich jenem nationalen historischen Judentum, das im Osten lebt und sich fortentwickelt, wirklich innerlich zu nähern. Bedarf das denn noch besonderer Beweise? Der ganze Gang der nationalen und zionistischen Arbeit vom ersten Kongreß bis in die letzten Tage ist ein Beweis für die Richtigkeit dieses Urteils. Aus diesem Grunde habe ich mich über Ihre Mitteilung über die neue Zeitschrift, die Sie in deutscher Sprache zu begründen beabsichtigen, doppelt gefreut. Zunächst habe ich mich gefreut, daß sich endlich auch unter den „Jungen" Männer