Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 6 (September 1916)
- Article
- Ost und West
- Date
- 1916-09-01
- Page
- 355 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ost und West 355 Noch hatte der Zionismus in seiner modernen Form unsere Welt nicht in Aufruhr versetzt, noch waren Ost und West nicht in Basel zusammengekommen, noch hatten sie einander die Hände zu gemeinsamer Arbeit nicht gereicht. Stille, fast Todesstille herrschte an der Oberfläche unseres Lebens. Aber ein tieferer Blick konnte schon damals sehen, daß unter der Oberfläche, in den Tiefen der Volksseele, ein neuer Geist wehte und sich einen Weg suchte — suchte und nicht fand. „Das große Fragezeichen^ welches am Judentum in den zwei vorangehenden Generationen erschien und sich dann hinter einer dichten Wolke verbarg, taucht wieder aus dem Nebel empor; drohend reißt es uns aus dem Gefühlsrausch und zwingt uns, es mit offenen Augen und nüchternem Verstände genau zu betrachten: Was ist unser nationales Wesen, um dessen willen oder infolge dessen wir Jahrtausende mit der ganzen Umwelt im Kampfe stehen? Was ist unser gegenwärtiges Leben in allen Ländern der Diaspora, in welchem Maße ist es wirklich unser Leben, in welcher Hinsicht bedarf es einer Verbesserung und verträgt es eine? Und vor allem und aus all diesen Erwägungen heraus die Frage der Zukunft: Werden wir das ersehnte Ufer erreichen, trotz des starken Stromes, der uns Glied um Glied entreißt und mit sich fortträgt in die große Flut? Wie und wann? — Diese allgemeinen Fragen, die in viele Sonderprobleme zerfallen, nagen jetzt am Gedanken eines jeden denkenden Juden." So lauteten die einleitenden Worte des Redakteurs jener Zeitschrift, des „Haschiloach". Und diesen gemäß bestimmte er Ziel und Eigenart seines Organs: „allmählich bis zu den Geheimnissen unseres Lebens vorzudringen, die Schlüssel zu ihnen, die in der Zeit und im Raum verstreut sind, zu sammeln, jede Erscheinung und jedes Problem von allen ihren verschiedenen Seiten zu beleuchten, um uns so mehr und mehr dem erstrebten Ziele zu nähern: unser Selbst zu erkennen, unser Leben zu verstehen und unsere Zukunft auf die Einsicht zu gründen." Die ersten, die über diese Worte in stürmische Erregung gerieten, waren die „Jungen", die an der Grenze lebten, mit einem Fuß im Osten und mit dem andern im Westen standen, deren Herz hin und her schwankte. Sie waren unzufrieden mit jenem Organ, das sich ausschließlich auf das Gebiet des Judentums beschränkte und allen anderen Fragen, die mit diesem keinen Zusammenhang hatten, keinen Raum geben wollte. Ihr Herz sei zerrissen — hielten sie entgegen — ihr Geist schwebe zwischen Judentum und Menschheit, ohne Ruhe zu finden. Sie bedürften daher eines literarischen Zentrums, durch das jene Grenzen verwischt und die Schranke zwischen Ost und West, Judentum und Menschheit aufgehoben würde, auf daß es nicht mehr zwei getrennte Kammern in der Brust des Juden gebe, die eine für Judentum, die vom Osten, die andere für Menschheit, die vom Westen, gefüllt wird; sondern beide — Judentum und Menschheit — sollten ineinander diesen Beitrag. Da die Zeitschrift damals nicht zustande kam, blieb er zunächst unveröffentlicht, erschien aber später im dritten Band von „AI Paraschat Derachim" mit folgender Anmerkung: „Im Herbst 1903 beschlossen einige junge Zionisten in Deutschland, eine Monatsschrift in deutscher Sprache unter dem Namen „Der Jude" herauszugeben und gaben ein allgemeines Programm dieses Organs in Druck. Von ihnen um einen Beitrag ersucht, der als Einleitung zum ersten Hefte dienen könnte, schickte ich ihnen diesen kleinen Brief. Das erste Heft erschien jedoch nicht und der Plan scheint vorläufig aufgegeben worden zu sein. Ich veröffentliche hier diesen Brief, da er mir, obwohl er etwa fünf Monate vor dem sechsten Kongreß geschrieben worden ist, jetzt, nach dem sechsten Kongreß, besonders zeitgemäß zu sein scheint." (Anmerkung des Herausgebers.) 25*