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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 385

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
[Rezension]
Date
1921-01-01
Page
385 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Rassenkunde 385 zur Klärung der politisch gefärbten Rassenfragen zunächst die Begriffe der zoologischen Rasse und Varietät, der Haustierrassen, die Darwinsche Theorie, die Vererbung erworbener Eigenschaften und Aehnliches behandelt. Grade diese ersten Abschnitte sind sehr anregend geschrieben, wenn sie auch nicht beanspruchen, Neues zu bringen. Hierbei ist allerdings Kautsky sehr kritisch gegen Theorien, die ihm nicht passen, sehr gutgläubig aber gegenüber denen, die ihm passen. So genügt ihm.r»zum Beweis für die Veränderlichkeit der Kopfform unter dem Einfluß des Milieus die bei Fishberg wiederholt zitierte Arbeit von Boas, deren Kritikbedürftigkeit ich an anderer Stelle (Arch. f. Rass.- u. Ges,- Biologie 1913) nachgewiesen habe. Für die Fragen der jüdischen Anthropologie ist ihm Fishberg autoritativer Führer. Wie dieser leugnet er das Bestehen einer physischen Rasseneigenart der Juden auf Grund einer von Fishberg übernommenen methodisch falschen Tabelle. Bei der Besprechung der physiologischen Rassencharaktere der Juden läßt er den wichtigsten fort: den frühen Menstruationseintritt bei Jüdinnen auch im nordischen Klima; bei den pathologischen Charakteren das auffallende Verhalten der Jüdinnen gegenüber dem Uteruskrebs (s. Auerbach, Zeitschr. f.Stat. u. Demogr. d. Jud. 1908). Sehr lesenswert ist der Abschnitt über „geistige Merkmale der jüdischen Rasse**," weil er charakteristisch für die ganze Einstellung Kautskys gegenüber diesen Problemen ist. Was er über die Entstehung des formalen jüdischen Geistestypus sagt, dürfte fast durchweg richtig sein, indem er die historischen und sozialen Faktoren für sie aufweist. Aber er leugnet eine jüdische Geistesart gänzlich, weil sein an der materialistischen Geschichtsauffasung geschulter und in ihr eingezwängter Intellekt überhaupt nicht in der Lage ist, rein geistige oder gar seelische Dinge, die nicht in der Sphäre des Oekonomisch-Sozialen Hegen, zu sehen und zu erfassen. Quod non est in oeconomia, non est in mundo. Daß Kautsky hierbei die antisemitischen Allüren Sombarts gebührend geißelt, wollen wir ihm Dank wissen. Zwei sehr interessante Kapitel der Kautskyschen Schrift über den Zionismus vor dem Kriege und nach dem Kriege -fallen außerhalb des Rahmens dieser Besprechung. Hier sei nur gesagt, daß sie von einer bei diesem hochgebildeten und mitten im politischen Leben stehenden Mann gradezu erstaunlichen Unkenntnis vom wahren Wesen der zionistischen Bewegung zeugen. Da er auch hier nur das Wirtschaftliche, gar nicht das Geistige sieht, muß er notwendig zu einer ganz schiefen Beurteilung kommen. Nebenher laufen grundlegende Unkenntnisse der Palästinensischen Verhältnisse. Die Schlußkapitel kehren wieder zur Rassenfräge zurück. Kautsky beruhigt die Juden über die Folgen von Rassenmischungen und rät ihnen zur Auflösung durch energische Anteilnahme am Klassenkampf des Proletariats. Daß sie dabei, ökonomisch gesehen, nur gewinnen können, zeigt in der Tat die Assimilationsbewegung unter den Westjuden. Da für Kautsky jüdische Eigenart identisch] ist mit Ghetto, sieht er keinen Grund, das völlige Verschwinden der jüdischen Eigenart zu bedauern. Und der Zionismus ist, wie er (1921!) lapidar erklärt, eine undurchführbare Utopie. Die Kautskys che Schrift wird jüdischen Sozialisten, insbesondere zionistischen, zu denken geben — freilich wohl in anderer Richtung als der Verfasser glaubt. Aber sie gehört einer schon versinkenden Generation an; die neu empordrängende schätzt die Werte - einer geistigen Persönlichkeit anders ein. Befassen sich die bisher genannten Werke mit dem ganzen Komplex der Rassentheorie, so sucht Prof. Dr. Julius Goldstein in seiner Schrift „Rasse und Politik" (Neuwerk- ~ Verlag, Schlüchtern' 1921) nur die aktuelle Seite der Rassentheorie, ihre Beziehungen zur Tagespolitik und zum öffentlichen Leben, zu behandeln. Er kann diesem Vorsatze nicht ganz treu bleiben, sondern sieht sich genötigt, auch allgemeine Probleme der Rassentheorie hineinzuziehen; so entstehen Kapitel: Ist Nation Abstammungsgemeinschaft? Sind Rassengemeinschaften feststellbar? Rasse, und Religion. Das Ganze ist eine Abwehrschrift gegen den Antisemitismus. In der Tat ist die in deutschen Ländern aufgestellte und popularisierte Rassentheorie durchaus antisemitisch orientiert (man kann sogar ruhig sagen, daß der Judenhaß ihre eigentliche Wurzel und Triebkraft ist), und in der Tat holt der moderne Antisemitismus sein Rüstzeug hauptsächlich aus der Rassentheorie her. Immerhin gibt diese Orientierung der Schrift ein nicht sehr sympathisches Kleid. Sie ist die Ursache, daß der Broschüre ganz unnötigerweise ein Vorwort eines christlichen Theologen vorausgeschickt ist; der Abwehrjude braucht nun einmal einen christlichen ProT tektor, der ihm seine „Objektivität" bezeugt. Lizentiat Fricke führt hier aus, daß der Antisemitismus dem Christentum widerspricht, Was will das besagen? Im Namen und unter der Fahne des Christentums sind noch ganz andere Dinge geschehen. Wenig sympathisch ist es auch, wenn der Verfasser es (S. 18) nötig findet zü beteuern-, daß seine Ausführungen sich nur auf die westeuropäischen bezw. deutschen Juden beziehen, und damit zuzugeben scheint, daß die Argumente des Antisemitismus auf die Ostjuden zutreffen könnten. Er hat eben die Schicksalsgemeinschaft — nicht nur die erzwungene, sondern

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