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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 386

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
[Rezension]
Date
1921-01-01
Page
386 (sequence 5)
Language
German
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386 Umschau: Rassenkunde auch die innere — des ganzen jüdischen Volkes absolut nicht erfaßt Im übrigen aber steht Goldsteins Schrift weit über dem Durchschnittsniveau der sonstigen Abwehrschriften, Sie ist in vornehmer Sachlichkeit gehalten, von einem geschulten philosophischen Geist durchtrankt und mit gutem Material ausf estattet Der schon bei Kahns Buch erwähnten verblüffenden Parallele zwischen Antiteutonismus und Antisemitismus ist ein ganzes Kapitel gewidmet — ein sehr lehrreiches Kapitel für die, die belehrbar sind, aber das werden die Antisemiten und Germanentheoretiker kaum sein. — In einem Abschnitt über Entstehung und Ausbreitung der Rassentheorie ist sehr einleuchtend gezeigt, daß sie vor allem zur Rechtfertigung rückschrittlicher politischer Tendenzen dient, daß sie ein bequemes „wissenschaftliches* Mäntelehen dafür bietet, alles soziale Unrecht zu verewigen und »gottgewollte Abhängigkeiten* festzulegen. Eine der politisch wichtigsten Folgerungen der deutschen Rassentheorie ist die Fiktion, daß eine Nation auch Abstammungsgemeinschaft sein müsse, daß also z. B. der deutschen Nation alles „Fremdstämmige* ferngehalten werden müsse. Dieser Irrtum ist eine der wichtigsten Ursachen der deutschen Tragödie geworden. Aber Goldstein schöpft ihn in seiner Kritik nicht bis zu Ende aus, sonst würde er auch noch zwischen Staatsvolk und Nation strenger unterscheiden und zugeben müssen, daß es wie Deutsche polnischer Nation auch Deutsche jüdischer Nation geben kann und gibt. Zu ganz negativen Ergebnissen kommt Goldstein in der Frage der Feststellbarkeit von Rasseneigenschaften, obwohl er ihr das umfangreichste Kapitel seines Buches widmet Er gibt zwar zu, daß Rasseneigenschaften existieren können, hält das aber für unerheblich, da sie nicht erfaßbar und darstellbar sind. Er folgt damit der Dogmatik der Abwehrjuden. In Wahrheit liegt es umgekehrt: obwohl die heutigen Mittel der Wissenschaft eine klare Scheidung der Rasseneigenarten nicht ermöglichen, sind hier so starke trennende Instinkte vorhanden, daß ihre Wirksamkeit eine Wirküchkeitstatsache ist, mit der gerechnet werden muß. So bleibt Goldstein, wie Hertz, im Negativen stecken. Das zeigt sich am deutlichsten im letzten Abschnitt „Religion und Rasse*, der nur ein Sonderfall dieses Themas ist Während hier der rassestolze Jude sich bemühen würde, das Genie seines Stammes aufzuzeigen, bemüht sich Goldstein eifrig, jeden Zusammenhang zwischen Rassenanlagen und religiöser Schöpfung hinwegzudisputieren. Indem er zuviel beweisen will, verlieren seine Argumente ihre Ueberzeugungskraft. Es ist schade darum, denn das Büchlein hat hohe Werte, Ins Gebiet der jüdischen Rassenkunde gehören zwei kleine Abhandlungen, deren Gemeinsames darin liegt, daß sich beide mit Fragen der statistischen Methode befassen. Das ist sehr nötig, denn vielleicht nirgends ist soviel durch mangelhafte statistische Methodik gesündigt worden wie auf diesem Gebiet Dr. Max Marcuse („Die Fruchtbarkeit der christlich-jüdischen Mischehe*. Abh, a. d, Gebiete d. Sex.-Forsch. Bd. IL H. 4. Verlag Marcus und Weber, Bonn 1920) behandelt die oft erörterte Frage, ^warum die Mischehen zwischen Juden und Christen eine ganz besonders geringe Kinderzahl aufweisen. Die Tatsache an sich steht fest, ihre Erklärung ist strittig. Die Apostel der Germanentheorie behaupten, daß diese Ehen als Bastard-Mischungen unfruchtbar seien, etwa wie Kreuzungsprodukte von Pferd und Esel. Daß das ein Unsinn ist, zeigt Marcuse in UeberelnStimmung mit anderen namhaften Forschern. Er führt vielmehr für diese Erscheinung statistische und soziale Gründe an, 1) Die Mischehen sind häufig Spätehen, als solche kinderarm. z) Die Mischehen sind vor allem Großstadtehen, als solche kinderarm. 3) Durch späteren Uebertrltt eines Gattten werden gerade die kinderreichen dieser Ehen nicht mehr als Mischehen gezählt, sondern nur die kinderarmen, 4) Die Mischehen gehören meist sozial und intellektuell gehobenen Schichten an, die auch sonst kinderarm sind. 5) Die Mischehen finden meist zwischen religiös uninteressierten Personen statt, und bei solchen spielt die gewollte Beschränkung der Fruchtbarkeit eine größere Rolle als bei anderen. Diese Gründe genügen in der Tat völlig zur Erklärung der Erscheinung. Die Arbelt Marcuses ist als methodisches Beispiel für die ganze jüdische Rassenkunde wichtig. Von denselben sozialen und psychologischen Gesichtspunkten aus hat Ref. (Zeitsch. f. Dem, u. Stat. d. Jud. 1908) nachgewiesen, daß das besondere Verhalten der Juden In der Sterblichkeit sich fast in allen Fällen ohne Zuhilfenahme von Rassenfaktoren erklären läßt Noch allgemeiner erörtert die methodischen Fragen eine kleine Arbeit von Dr. W. Schwelsheimer („Statistische Unterlagen zur Rasse und Krankheitsforschung der Juden*, Oeffentllche Gesundheitspflege. Verlag Vieweg u. Sohn, Braunschweig, 1921). Er wählt als Beispiel die oft erörterte Frage des größeren Knabenüberschusses bei den jüdischen Lebendgeborenen, Hier hat Ref. (Arch. f. Rass.- u. Gesellsch.-Biol. 191z) als Ursache im Gegensatz zu vielen willkürlichen Behauptungen die aus sozialen und psychologischen Gründen geringere Zahl der FehKund Totgeburten bei den Juden nachgewiesen, und Schwelsheimer schließt sich dieser Erklärung an. Er betont, daß zukünftige Arbelten zur Rasse-

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