Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 384 (sequence 3)
- Language
- German
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384 Umschau f Rassenkunde aufgestellte Behauptung, daß durch lange Kulturtätigkeit eines Volkes seine Schädeiform sich dem Rundschädel immer mehr nähere und zwar schon im Verlauf der wenigen Jahrhunderte, die wir geschichtlich überblicken können. Auch in der jüdischen Rassengeschichte, die Kahn schreibt, müssen viele Fragezeichen angebracht werden. So spukt auch bei ihm (wohl von Judt her) als eine der Wurzeln des jüdischen Volkes eine „kuschitische" Rasse, die nie existiert hat und nur aus einigen mißverstandenen Bibelstellen konstruiert ist. Ebenso ist die Rolle der Hethiter in der Konstitution der-jüdischen Rasse mit einer durch das bisher bekannte Material keineswegs gerechtfertigter! Sicherheit dargestellt. Jedenfalls bedarf diese zuerst von Luschan aufgestellte Hypothese sowohl aus anthropologischen wie auch aus historischen Gründen einer starken Einschränkung. Historisch kann, wie auch Eduard Meyer („Geschichte des Altertums") ausführt, von einer hethitischen Urbevölkerung in Palästina und Syrien nicht gesprochen werden; hier weisen die ältesten erfaßbaren Spuren nur auf eine semitische Bevölkerung. Vielmehr liegt das Gebiet der hethitischen Rasse in Kleinasien, jenseits des Taurus, den sie erst zur Zelt ihrer höchsten Machtentfaltung (nach der Mitte des 2. Jahrtausends) Überschritten hat. — Allgemein aber muß gerade den Autoren, die wie Zollschan und Kahn die hethitische Komponente des jüdischen Volkes für so ausschlaggebend halten, das Recht bestritten werden, die Kulturleistungen der semitischen Völker, vor allem der südsemitischen Araber, ohne weiteres für den Rassenwert der Juden ins Feld zu führen (wohl aber dürfen das diejenigen tun, die wie Ref. in der Hethiter- - frage eine andre Stellung einnehmen). — Nebenbei, sei erwähnt, daß das von Buch zu Buch weitergetragene Märchen von der starken Durchsetzung des russischen Judentums mit Chazarenblut auch bei Kahn Eingang gefunden hat In der Zeichnung der geistigen Entwicklungslinien im Judentum kann sich auch ein so selbständiger Geist wie Kahn nicht immer von den Konstruktionen der wenig ins innere Wesen des Judentums eindringenden blbelkritischen Mode freihalten. Sätze wie S. 139 ob. gehören in ein Buch von Kittel oder Delitzsch, nicht aber in das Kahns, Seine Wertung des babylonischen Exils ist durchaus übertrieben und führt ihn zu dem ungeheuerlichen Satz: „Aus dem Opferkult am Zionsberge wurde in der großen Buße zu Babel der ethische Monotheismus der Propheten". Meines Wissens haben Arnos, Hosea, Micha, Jesaia und Jeremia vor dem Exil gelebt und gelehrt. Solche einzelnen Schönheitsfehler aber besagen in einem so schönen Buche wie Kahns wenig. Sie werden in einer neuen Auflage beseitigt werden können. Alles in allem aber ist das Buch Fritz Kahns eine Beleuchtung der Beziehungen zwischen Rasse und Kultur, von so hoher Warte aus, daß es weit Über den Kreis jüdischer Leser gewürdigt zu werden verdient Derselben Grundfrage, der Beziehung von Rasse und Kultur, ist ein Buch von Matthias Mieses („Zur Rassenfrage. Eine stammes- und kulturgeschichtliche Untersuchung**. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1919.) gewidmet Es erwähnt die Juden kaum, gehört aber in den Kreis unserer Betrachtung, weil es sich sehr eingehend mit der Germanentheorie beschäftigt Das Buch zeigt, wie alle Bücher von Mieses, eine geradezu staunenswerte Zusammentragung von Material; elne lWso ungeheure Häufung, daß die zusammenhängende Darstellung durch den Fleiß der Kompilation leidet und die Lektüre kein Genuß ist Die Hauptthese, die Mieses durch das ganze Buch hindurch vorträgt, ist, daß die Kultur Europas nicht den „arischen" Einwanderern, sondern der vorarischen Grundbevölkerung zu verdanken ist Dieser These zuliebe wird das Buch trotz aller Gelehrsamkeit und trotz beißender Kritik der Arier¬ und Germanentheorie selbst unkritisch und verfällt in genau dieselben methodischen Fehler wie diese.. Historische Daten werden aufgenommen, wo sie grade passen, vage Hinweise werden als gesicherte Tatsachen gewertet. Wo jene „arisch" sehen, sieht Mieses „vorarisch". Für alles, was die Römer geleistet haben, müssen die dunklen Etrusker herhalten; die Blonden sind nicht genial, sondern antizivilisatorisch; Trajan und Hadrian stammten aus Spanien, waren also „Iberer"; die Griechen haben alles den „Pelasgern" entlehnt, die Germanen den Kelten, die Kelten den Vorkelten. Alle Genies entstammen den „Vorariern". Die Basken waren und sind ein großes Kulturvolk, was mit etlichen sonst unbekannten Namen von Kulturträgern belegt wird. Kurz, es ist das genaue Negativ der herrschenden Rassentheorie, ebenso apodiktisch vorgetragen und ebenso unbewiesen wie jene. Auf diese Weise läßt sich jede Theorie „belegen". Die Göttin Klio ist reich" und freigebig und schüttet ein unerschöpfliches Füllhorn über alle Suchenden aus. Aber sie lächelt spöttisch, wenn einer meint, mit ein paar Brocken die alleinseligmachende ganze Wahrheit aufgelesen zu haben. Zur Hauptsache dagegen beschäftigt sich mit der jüdischen Rassenfrage und der Stellung der Rassentheorie zu den Juden eine Schrift des bekannten sozialistischen Theoretikers Karl Kautsky: Rasse und Judentum (Stuttgart, 1921. J.H.W. Dietz). Er holt,, als ein gründlicher Mann, weit aus, indem er