Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 383 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Rassenkunde 383 Die Einteilung des Stoffes ist klar und gleichmäßig fortschreitend. Kahn geht von den allgemeinsten naturwissenschaftlichen Grundlagen aus und erörtert zunächst den Begriff der Rasse und seine Anwendung auf die Menschheitsgeschichte. Hier zeigt er, daß der zoologisch gedachte Rassenbegriff Überhaupt nicht auf die Kulturgeschichte anwendbar ist; hier ist vielmehr die Domäne der „Nation". „Nation Ist die Kulturblüte auf dem Naturboden der Rasse." In einem kurzen Kapitel wird dann der so viel mißbrauchte Begriff „Arier" diskutiert und gezeigt, daß diese der Sprachgeschichte entnommene Bezeichnung in der Rassentheorie überhaupt keinen Platz hat. Diese Diskussion ist jedoch notwendig, weil sie den Unterbau für die nun folgende, Betrachtung der „Germanentheorie" abgibt. Diese Theorie, daß die germanische „Rasse" die eigentliche Edelrasse der Geschichte sei, daß alle Kultur, auch die entlegenste, auf die Kulturleistung von „Germanen" zurückgehe, hat in Deutschland und Oesterreich zu wahren Orgien der laienhaften Geschichtsausdeutung,der widerlichsten Selbstanbetung und fanatischsten Verschlossenheit gegenüber allen fremden Kulturleistungen geführt. Nichts hat einer vernünftigen Bewertung des in der Kulturgeschichte zweifellos hochbedeutsamen Rassenfaktors mehr geschadet als das überhebliche Treiben dieser pseudo-wissenschaftlichen Germanentheoretiker, nichts vielleicht hat auch das deutsche Volk mehr in der Welt diskreditiert. In diesem Zusammenhang ist es besonders verdienstlich und pikant, daß Kahn (nicht als der erste) an einer Reihe von Zitaten zeigt, wie genau dieselben haßerfüllten Herabsetzungen und Verleumdungen, mit denen die Germanomanen so gern die Juden zu überhäufen belieben, in der Haßatmosphäre des Weltkrieges den Germanen von ihren Gegnern angehängt worden sind. Er prägt das hübsche Wort von der „Zwangsnaturalisierung" der Genies durch die Germanentheoretiker, die überall, wo sich geniale Leistung zeigt, germanisches Blut wittern, und weist die Haltlosigkeit nicht nur der wirren Phantasien von Hauser und Chamberlaln, sondern auch der einzigen halbwegs ernstlichen Arbeit auf diesem Gebiet, der von Woltmann, Üherzeugend nach. In diesem Kapitel geht Kahn auch näher auf die anthropologischen Daten und Theorien ein, wovon nachher noch einiges zu sagen sein wird. Von hier geht Kahn über zur Darstellung der semitischen Kulturleistungen an der Hand oer Geschichte. Wer nicht unheilbar voreingenommen ist, kann mit Händen 'greifen, was die semitischen Völker für die Kultur der Menschheit bedeuten (von den Juden ganz abgesehen). Es braucht nur an die Rolle Babylons im Altertum und die der Sarazenen im Mittelalter erinnert zu werden. Hier kann sich Kahn grade auf deutsche Gelehrte berufen, auf den gewiß nicht semitenfreundlichen Eduard Meyer und auf Hugo Winckler, dem ja Babylon geradezu die Zentralkultur des gesamten Altertums bedeutet. Die semitischen Völker sind jedenfalls ein Kultureierfient, das sich jedem anderen, auch dem griechischen, an tiefgehenden geschichtlichem Einfluß ebenbürtig zur Seite stellen kann. Aus dem semitischen Kulturkreis schält Kahn durch großzügige geschichtlich-anthropologische Darstellung das jüdische Volk heraus. Er untersucht seine leiblichen und geistigen Wurzeln und verfolgt sein Schicksal als Rasse und als Kulturträger weiter durch die Jahrhunderte. Hier findet er den Ort, die Mischungsgeschichte der Juden eingehend zu behandeln; und auch wer ihm nicht in allem zustimmen kann, wird gerade hier die Kühnheit seiner Konzeptionen, die scharfe Konturierung seiner Geschichtsbilder bewundern. Aus dem massenhaft gehäuften rohen Material der orientalischen Altertumsforschung formt er organische Gestalten und weitgespannte Zusammenhänge. In der Beurteilung der späteren Mischungen der Juden nimmt Kahn eine Zwischenstellung zwischen den extremen Ansichten von Judt (der die Juden für eine „reine Rasse" erklärt) und Fishberg (der sie für absolute Mischlinge hält) ein: er nimmt starke Mischungen bis etwa zum Jahre 1000 n. Chr., von da ab aber fast völlige Reinzüchtung an. Das letzte — und nach unserer Meinung glänzendste — Kapitel des Buches handelt von der Kultur der Juden. Sein Inhalt läßt sich nicht kurz wiedergeben, sondern muß im Original gelesen werden. Es ist die stolze Bejahung eines Juden gegenüber dem Kulturwert seines Volkes. Es atmet nicht die müde Resignation und die seichte Assimilation eines Fishberg und Hertz, sondern erweckt — bewußt und gewollt — das Verlangen, diesen hochwertigen Kulturfaktor für die Kultur der Menschheit zu erhalten und an seiner künftigen Wiedergeburt zu arbeiten. Dieser Gedanke, der die Seele des ganzen Buches ist, macht es zur Pflicht, das Buch gerade in diesen Blättern zu empfehlen. Das Buch Kahns ist so hervorragend, daß man seine Mängel nicht zu verdecken braucht. Seine schwächsten Teile sind die rein anthropologischen. Hier hat der Gegensatz zu der in der Germanenhypothese sich auswirkenden Rassentheorie den Verfasser zu ebenso kühnen und unbeweisbaren Annahmen geführt. Wenn es falsch ist, daß nur der Langschädel zu wahren Kulturleistungen disponiere, so ist es darum nicht richtiger, daß der Rundschädel die wahre Hülle des Genies sei. Wenn es falsch ist, daß die Schädelform trotz aller Mischungen immer wieder durchschlage, so ist doch ebenso beweislos die von Zollschan und jetzt wieder von Kahn