Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Von nationaler Bereitschaft der Intellektuellen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 373 (sequence 7)
- Language
- German
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Von nationaler Bereitschaft der Intellektuellen 373 Und trotzdem, welch kaltes, nüchternes, europäisches Ding ist hierzulande, aus dem in die Himmel schluchzenden Nigen des Volkes geworden! Zwischen dem Hamawdil, mit dem der deutsche Orthodore sich dem Werktag zuwendet, zwischen dieser selbstzufriedenen, vergnügten Melodie und der ein ^Unermeßliches an Hoffnung und Hingabe bindenden Weise, mit der im gleichen Lied der Ostjude vom Schabbes Abschied nimmt, gähnt drohend vor dem, der zu hören weiß, der ganze bereits zur Kluft geweitete Ablauf der westjüdischen Entseelung. Was ist da noch von allem weiteren, von der Versteinerung der übrigen elementaren Lebensäusserungen des Volkes zu glattem Kultus und sinnlos gewordenem Brauch zu reden! Nirgendwo singt sich im Herzen der Westjuden das jüdische Lied, ballt sich ihnen die Grenzenlosigkeit jüdischer Gptteskindschaft zu den gültigen Formen des Symbols und der Mythen. Dabei verkenne ich gar nicht die bis in dritte und spätere Generation überdauernde Lebenskraft von allerlei landschaftlichen Sonderheiten, des Pfälzer, des Hessischen, des Niederrheinischen und des Posener Juden. Aber Bindungen mit dem Volksganzen, die in sich Inhalte und Verkörperungen, also kulturelle, soziale oder politische Gemeinsamkeiten darstellen, sind hier nicht mehr vorzufinden. Hier hat sich Assimilation bis zur völligen Lossprengung aus dem Lebensplan der Nation verschärft. Um die hoffnungsarme Situation der Westjuden einigermaßen in ihrem Eigentümlichen zu treffen, geht es nicht an, weiterhin ihr gegenüber den irreführenden Begriff „Assimilation" beizubehalten, sondern man ist gezwungen, den Grad der hier erreichten Wesensänderung als Fremdstämmigkeit zu bezeichnen, ohne ihm damit im vollen Umfange gerecht zu werden. Dafür, daß dem so ist, werde ich mich nicht an die augenfälligen Kundgebungen halten, mit denen die westjüdische Besonderheit in dem Gebaren der so sich nennenden Deutschen jüdischer Konfession in Erscheinung tritt. Sondern ich sehe mannigfachen Anlaß, das Westliche dort aufzusuchen, wo es sich am angespanntesten gegen die Entjüdischung wehrt und wo das, was hier überhaupt an jüdischem Lebenswillen noch vorhanden ist, seinen stärksten Ausdruck erhält: in der westzionistischen Gebildetenschaft. ~ Was alles hat sich bei dieser gezeigt? Sie hat, wie ich im Vorigen andeutete, jahrzehntelang das denkbar unwirklichste und verzerrteste Bild von der Volksmasse zur Rechtfertigung ihrer am Golus verzweifelnden und Palästina als letzten Rettungsplatz wählenden Entschließungen beibehalten. Beinahe vor jeder wesentlichen Auswirkung des Oestlichen, die vom Eigenleben des Golus zeugte, stand sie wie vor unerwarteten Entdeckungen. Würde man die Bestunterrichteten unter Ihnen einem noch so gelinden Rigorosum unterziehen und Sie nach Gegenständen fragen, deren Kenntnis bei aller anderen national arbeitenden Intelligenz als selbstverständlich vorausgesetzt wird, — Sie würden die Antworten wohl schuldig bleiben. Sie wissen nicht, wie die Masse ihrer Volksgenossen lebt, wie und wo sie wohnen, was sie lesen, singen und bedenken; nichts von den Kümmernissen und