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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 372

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Von nationaler Bereitschaft der Intellektuellen
Date
1921-01-01
Page
372 (sequence 6)
Language
German
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372 Fritz Morde chai Kaufmann: selbst zu. Denn noch mit der alltäglichsten Handlung, mit dem Abstoßen eines unvolkstümlichen Brauches, mit dem Ablehnen einer unjüdischen Denkart und dem Herausarbeiten einer weniger barbarischen, verstümmelten Sprache schaffen sie bereits während der Heimkehr am Nationalen. Aus tausend aufstehenden Erinnerungen und aus den unzähligen Gesichtern des Alltäglichen blickt sie das Antlitz des Volkes bedeutsam an. Ein geringes Nachdenken über die Sorgen und Mühsäligkeiten ihrer Nachbarn erfüllt ihnen mehr als eine glänzende abstrakte Darlegung über das jüdische Wirtschaftsleben. Sie sinnen über einer alten Sitte — irgendwoher summt ihnen eine Volksweise entgegen — eine alte iMutter sagt ihnen ein vorzeitliches Gleichnis — und sie fühlen sich ganz nahe an die Quellen der Volkstümlichkeit versetzt. Es tut ihnen nicht not, sich neue Organe auszubilden, um die Welt , ihres Nationalen einzufangen. Dergestalt ist aber nicht mehr die Lage der westeuropäischen Juden. Ihnen gegenüber geht es nicht an, von bloßen Assimilationserscheinungen zu sprechen. So nämlich, wie dieser Begriff allein sinnvoll angewendet werden diarf, sind sein Schauplatz die räumlichen oder milieuhaften Peripherien einer nationalen Gemeinschaft, die zwar in allem Unbewußten noch durchaus durch den Lebensplan des Eigennationalen geformt und gebunden bleiben, aber in den „real" genannten Lebensbeziehungen vielfältig in fremdnationale Intressenkomplexe verstrickt sind, so daß ihre beabsichtigten, bewußten Gebärden noch stets in einem Gegensatz stehen zu aller ursprünglichen Geste. Hier bedeutet also Assimiliertsein das Niederhalten von wirklichen, inhalterfüllten Bindungen mit dem Eigennationalen zulieb der Nützlichkeit von allerlei eingetauschten Lebensformen. Die Judenschaft in den Westländern, sei sie nun orthodox oder neolog, zionistisch oder deutschfreisinnig gerichtet, ist dagegen bis zu den Fundamenten hinab aus den Bezirken unseres Volkes herausgeglitten. Was verbindet sie mit ihm noch, sinnfällig erkennbar oder auch nur in ihren Verborgenheiten? Wer das gänzlich Andere, das Fremdartige, das aus diesen Juden als Gesamtheit geworden ist, am überraschendsten erfahren will, der suche das Westliche dort auf, wo es im groben Aeußerlichen von Satzung und Lehre noch mit dem Volke zusammenzuhängen scheint. Was sind das für erbärmliche Ausklänge, die dann und wann an den Stätten ländlichen deutschen Judentums hörbar werden und die ehemalige Einheit bezeugen könnten! Nicht nur, daß sie der, dem sie in der Sprech- oder Singweise entfahren, der orthodoxe Jude im günstigsten Falle wie eine komische Erinnerung an die engen, rückständigen Zeiten der Vorväter belächelt und häufiger noch sich ihrer herzlich schämt, wenn da ein vorbetender altfränkischer Jude plötzlich in jenen uralten, aber freilich unter seinen Lippen schon grob und unfein gewordenen Singsang verfällt. Aber hier, in allem Synagogalen war doch eine beständige Expansion des Ostens wirkend und ein beträchtliches Aufgebot von seinen Sendungen, von Rebben, Melamdim, Schochtim und anderen Klei-Koidesch hat unbewußt immer wieder etwas wie eine Einheitlichkeit zu erhalten gesucht.

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