Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Von nationaler Bereitschaft der Intellektuellen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 Fritz Mordechai Kaufmann: Volkswillens geformt worden sind, die also an Bereitschaft zu nationalen! Tun kaum mehr mitbringen als der Westler Westeuropas, Man wird sogar feststellen, daß hier die Tendenzen zur Artentäußerung noch weit ungestümer und entfesselter wirken als bei uns, wo sie vermöge der langen Dauer unserer Entwurzelung bereits eine gewisse Milderung aufweisen. Während heute viele Westjuden die Segnungen der europäischen Allerweltszivilisation seit Generationen in solcher Fülle sich zu eigen machten, daß diese ihnen bereits über sind und sie gar keinen Anreiz auf ein Mehr verspüren dürften, hat sich jenen ostjüdischen Schichten;erst seit kurzem die verlockende Aussicht auf das angeblich universalere und humanere Europäische geöffnet, und ihr ungestümes Drängen aus den Toren des Nationalen hinaus auf die europäischen Marktplätze entspricht dem ungeheuren Druck, der sie bisher davon abgesperrt hielt. Nur hierdurch erklärt sich die auf den ersten Blick unfaßbare Tatsache, daß es sogar in ostjtidischen Zionismus Strömungen gibt, die sich mit der äußersten Feindseligkeit und Verachtung zu den Massen ihres Volkes beziehen und mit dem ungebärdigen, desequilibrierten Elan , des von fremdnationalen Wertungen Geblendeten und Verleiteten sich nicht scheuen, die angeblich uns im Golus noch verbleibende Spanne Zeit in sklavischer Einstellung auf großrussische oder polnische Lebensart zu verbringen. Man wird also einstweilen diese den Westjuden stark angeähnelten Schichten von vornherein auszunehmen haben, wenn die besonderen Bedingungen der ostjüdischen Intellektuelleh erwogen werden. Es ist zunächst -festzustellen, daß hier augenblicklich noch alles im Fluß ist. Wir sehen im Vordergrund der nationalen Parteien noch immer eine erheblich lärmende Menge von Halbgebildeten, die alle Unarten einer Herkunft aus dem Proletarischen aufweisen, und deren Menschliches die Mängel jeder jungen, erst in der Bildung begriffenen und der wohltätigen Beruhigung erprobter Tradition entratenden Gebildetenschaft noch immer nicht verdecken kann. Wir haben da eine Oberschicht jüngsten Datums vor uns, die gestern noch sich in allen Gassen Europas naschend und an Oberflächen sich versuchend herumtrieb und kaum erst sich in ihr Volk zurückzufinden begann. An diesem Punkte angelangt mag es-geboten sein, mich Ihnen in knapper Schärfe darüber zu äußern, wie skeptisch und ablehnend ich mich zu allem verhalte, was augenblicklich an Leistung der nationalen Parteien des Ostens vorliegt, und warum ich selbst dort, wo sie Steigerungen und eine neue Reife aufweist, noch immer die mühsam verdeckte Ohnmacht und das Stecken* bleiben im zeitlichen Europäischen wahrnehme. Ich meine nämlich, daß noch nirgendwo hier die starken kundigen Hände sichtbar sind, die, tief bis in das Herz des Volkes heruntertauchend, ihm die leuchtenden Farben und die gültigen Zeichen hervorholen, mit denen die uns tragenden Massen der gläubigen Juden die Tafeln ihrer Erschütterung und ihres Aufstieges^ .geschrieben sehen wollen. Noch ist es der unerkannte Irrtum dieser Patrioten, -• als seien sie selber und das, was sie verhandeln, planen und erstreben, bereits dem unfertigen Zustand einer Angelegenheit von Intellektuellen ent-