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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 369

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Von nationaler Bereitschaft der Intellektuellen
Date
1921-01-01
Page
369 (sequence 3)
Language
German
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Von nationaler Bereitschaft der Intellektuellen 369 bürger herkommen und sich schützend vor ihr Volkstum stellen. Häufig sind sie in kurzer Zeit genügend erstarkt, um von den bisher Assimilierten mehr und mehr zur Heimkehr zu beeinflussen. Bei diesen Heimkehrenden verlohnt es noch etwas zu verweilen, weil meistens aus ihnen die Masse der sich* wieder auf das Nationale richtenden Gebildetenschaft hervorgeht. Betrachtet man sie in ihrem ersten Stadium so oberflächlich, wie das Zeitungsschreiber und Sonntagsreisende zu tun pflegen, so möchte man das Volk beklagen, dem die Söhne dergestalt mißrieten. Je jünger erst ihr Assimiliertsein datiert, sieht man sie mit erbitterterer Feindseligkeit gegen das Eigene eingestellt. Man wundert sich über ihre mannigfachen Verrenkungen, völlig in dem assimilierenden Volke aufzugehen und noch in den letzten Nuancen ihres Sprechens und ihrer Geste und erst recht in den groben Sinnfälligkeiten der Tracht, der politischen und religiösen Meinungen, wie überhaupt der Zivilisation alles ängstlich abzustreifen und niederzuhalten, was ihre Herkunft aus einem anderen Kulturkreis verraten könnte. Was aber immer wieder von den Sonntagsreisenden übersehen wird, das sind die niemals aussetzenden unterirdischen Bindungen. Die ermöglichen es, daß der fanatische panslawische Orthodoxe und der freidenkerische Französling von gestern sich heute plötzlich in ihr ukrainisches und vlämisches Volk hineinstellen und hier nach recht kurzer Zeit wichtigste aufbauende Arbeit wie selbstverständlich leisten. Bevor nun von den verhältnismäßig günstig gelagerten Assimilationsverhältnissen dieser nationalen Gruppen zu den singulären Erscheinungen der westjüdischen Entwurzelung übergegangen werden kann, ist es nötig, noch ein wichtiges Komparationsobjekt heranzuziehen, das uns die äußerste Klarheit über diese Dinge gewinnen läßt, und von den eigentümlichen Schichtungen der ostjüdischen Intelligenz zu reden. Es kann sich dabei, wie übrigens in diesem ganzen Versuch wegen der gebotenen Gedrängtheit selbstverständlich nur um Schematisierung handeln, die ein gewiß großes Stück vom Lebendigen an sich reißt, aber niemals vergißt, wieviel Wichtiges aus ihrem zusammenpressenden Rahmen herausbleiben mußte. Das soll besonders bedacht werden, wenn der Begriff Westjude oder „Westler", so wie er seit den letzten Jahren von der jüdischen Soziologie gebraucht wird, auch hier zur Anwendung geengt, also keineswegs als eine irgendwie geographische Kategorie. Es genügt ja der flüchtige Blick auf die unermeßlichen Räume des russischen Imperiums, um zu erkennen, daß neben den in dichter Siedlung wohnenden jüdischen Volksmassen nicht unbeträchtliche, von ihnen räumlich seit langem abgesprengte Teile vorkommen, die nur noch ganz locker dem Herzen der Nation verbunden sind. Aber auch außer diesen räumlich abgesprengten Teilen gibt es andere, die, obwohl sie in den Zentren der jüdischen Siedlung wohnen, milieuhaft dem Volk nicht mehr angehören — sie ähneln jenen, die im Vorigen als am hartnäckigsten in das Getriebe der kapitalistischen Gewalten verstrickt bezeichnet wurden. Aus diesen Schichten gehen^zahlreiche Intellektuelle hervor, die niemals von den gestaltenden Kräften des

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