Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Von nationaler Bereitschaft der Intellektuellen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 368 (sequence 2)
- Language
- German
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368 Fritz Mordeehai Kaufmann: Bereich einer hochmütigen Zunft oder einer einseitig geratenen Kaste sich abgeschlossen halten — unermeßliche Beziehungen verknüpfen ihn doch bis zu seinen Unzulänglichkeiten leibhaft mit dem Volksinnern. Sein Ohr ist für immer durch die Klänge der Volkssprache und ihre eigenartige Architektonik geformt; selbst sein Physioghomisches hat sich ihnen nachgebildet; das Alltägliche hat weite Felder seiner Seele in der bestimmten Richtung des Eigennationalen gepflügt. Der Bauer, der Bürger, der Sänger und der Betende, das Mädchen und der Zecher, Handwerk und Spiel, Hof und Werkstatt — dies und all sein Geistiges ist hundertmal getränkt mit jenem Besonderen, das dann, in die Welt des Begriffs erhoben, ihm die Nation bedeutet. Wie er sich nun auch im Widerstreit der Erscheinungen und der Kampfesrufe, die um sie toben, zurechtzufinden sucht, — das enge oder weite Bild der Nation, das in unzähligen Geschichten, Klängen und Erlebnissen in ihm wirkend ist, erscheint durchaus sinnlich fundamentiert; er selbst ist tief im Eigenvölkischen eingebettet, und gerade seine schöpferischen, selbst die umstürzlerischsten, freiesten Entschlüsse empfangen daher ihr wohltätiges inneres Gesetz. Denn jede seiner bedeutsameren Handlungen führt etwas fort, das hier irgendwo bereits, längst vorgezeichnet, seinen Anfang hat, der sie legitimiert und ihre Energie alten, wenn auch nur im Unterirdischen fließenden Strömen einbringt. Nun weicht bekanntlich das Bild der jungen, erst in der Bildung begriffenen europäischen Völker von diesem soeben skizzierten der in der Sicherheit der Tradition heute vollendet wirkenden Nationen erheblich ab. Um auch hier die besondere Gesetzmäßigkeit wahrzunehmen, empfiehlt sich der Anblick des Zwie- und Mehrspaltigen, das bei Flamen, .Irländern, Ukrainern und Völkern ähnlicher Schicksale noch immer in dem Gebaren intellektueller Oberschichten zu beobachten ist. Man weiß meist zu wenig davon, wie hitzig hier, von fester gefügten nachbarlichen Kulturen auf das energischste angezogen, bestimmte Gruppen das Eigenstämmige in sich selbst niederzuhalten und zu verringern suchen; wie sie maßlos gegen die Grundlagen ihres völkischen Bestandes Sturm laufen, an ihren Bindungen lockern, das Besondere ihrer Sprache und Gesittung leichthin gegen das Fremde vertauschen, um aus dem gesprengten Kreis des ihnen provinzial und eng dünkenden Eigenen in die vermeintliche Weite, Freiheit und Humanität des Fremden sich einzubeziehen. Man übersieht auch meistens, wie sehr die alten machtbegehrenden Gewalten Europas, seien es nun die großen kirchlichen oder die politischen Gemeinschaften, etwa das großrussische Prawoslaventum oder der nie rastende Expansionsdrang der französischen Kultur, eine Witterung dafür haben, welch nützliche Eroberungen ihnen an den gefährdeten Peripherien der kleinen Nationen, in den Kreisen der Europäisierten und des durch den Kapitalismus zermürbten Bürgertums winken. Mit diesen zur Assimilation Drängenden in erbittertem Kampf nimmt man Intellektuelle wahr, die aus den zentralen, von kapitalistischem Geist erst wenig geschädigten Schichten der Bauern, der Handwerker und Klein-