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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 364

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Henri Franck
Date
1921-01-01
Page
364 (sequence 6)
Language
German
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364 Hans Kohn: Nach der Einförmigkeit des bildlosen Tempels blendet ihn die Buntheit der Welt. Aber die Formen der Dinge genügen ihm nicht, er sucht die Einheit die hinter ihnen ist* den Geist, zu dem ihm nur geistige Wesen den Weg weisen können: Gott kann nur dort wohnen, wo Menschen sind. Der Wanderer findet Menschen, Freunde. Ein wunderbares Loblied singt er der Freundschaft, immer wieder, seinen jüdischen Freunden und den jungen Franzosen aus der Provinz, die nach Paris gekommen waren. Sein bester Freund, älter als er, der seinem unaufhaltsamen Schwünge Maß und Klugheit gegeben hatte, verläßt die / Weggemeinschaft. Der glühenden Suche des Lebens und des Gotts auf Erden setzt er seinen Unglauben in die Kraft menschlicher Vernunft, eine Verleugnung zu Gunsten eines vagen Gotts im Himmel entgegen. Da geht der Wanderer, da er den Einen verloren hat, mit dem er allein sein konnte, wieder zu den Menschen, den Altersgenossen. Tendresse humaine, adh6sion de l'homme ä 1'homme, O joie de nous sentir des coeurs contemporains Et de multiplier nos esprits Tun par l'autre. Das Mysterium der Generation, das zu gleicher Zeit in Deutschlands Dichtung die Dichter in dem Bilde des Kampfes der Söhne gegen die Väter jerfaßte, ergreift ihn viel tiefer: Parce qu'on nous a con<jus tous la meme ahriee Une secrete entente est vivante entre nous, . . . L'air oü sonnent nos voix, oü monte notre rire, A notre äge et est ne en meme temps que nous; Parceque nous avons grandi tous ä la fois, Chacun de nous exprime et entend tous les autres . .. Die ^Generation wächst heran in Kinderspielen; aber der Tag kommt, wo der Bienenschwarm ausschwärmen muß; seihe Zeit ist gekommen; an welchen Baum wird sich die summende Traube hängen, wie wird der Geschmack ihres Honigs sein? Der Jude hatte geglaubt, daß die Frucht der Generation die Geburt Gottes sein werde, der eines Tages, Wirkung ihrer vereinten Wünsche, aus ihren Worten erstehen werde. O ewiger messianischer Traum des jüdischen Zeitenwanderers. Aber die anderen verlieren ihni in fremde Länder, in Kasernen, in Weinstuben spanischer Tänzerinnen. Sie trieben lärmende Spiele oder lebten in den Formen; keiner hielt ein, um sich selbst zu erfassen, um aufmerksam dem Leben zu lauschen. Und der beste unter ihnen war zu klar, um dies alles gut zu verstehen. Er erlebt tief das Leid des Lebens, das uns von allen unseren Jugendgenossen trennt, mit denen wir uns einst unlösbar verbunden wähnten. Jeder muß seinen Weg allein gehen, ohne Hilfe, um seine Arbeit, seinen Gott, sein Schicksal zu finden. Wieder hat er das gelobte Land nur von Ferne erblicken dürfen; aber Hoffnung und junger Mut tragen ihn unermüdlich weiter, wenn auch müder, weniger kühn.

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