Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Henri Franck
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 362 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101182-3106838--5187-3106891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
362 Hans Kohh: Unendliche lockt ihn, läßt ihn aufbrechen: das Leben des Juden, des ewigen Wanderers hebt an. Wie eine Brücke, die Vergangenheit und Gegenwart vereint, spannt sich- Henri Francks Dichtung/ Jüdisch durch ihre Wurzeln, ist sie ein - französisches Meisterwerk durch die Schönheit der Sprache, die voll ist ihrer '< besten Traditionen, durch den nie ermüdenden, wechselnden Rhythmus, durch die kunstvolle Zusammenfassung und klare Folge, die dieses achtzig Seiten lange Gedicht auszeichnen. Sein inneres Wissen von seiner Rasse gewann für Henri Franck äußere Form in seiner Freundschaft mit Andre Spire. Der um zwanzig Jahre Aeltere, der damals in der modernen französischen Lyrik und in den Bestrebungen, die von der jungen bürgerlich-intellektuellen Generation gemacht worden sind für eine innigere Verbindung mit dem Sozialismus und der Arbeiterschaft, bereits eine sehr angesehene Stellung einnahm, hatte, vor allem durch Zangwill angeregt, dem jüdischen Problem seine volle Aufmerksamkeit zugewandt. Zangwills „Chad Gadja", die Erzählung von dem Juden, der die ganze okzidentale Kultur durchläuft, um plötzlich von der Sehnsucht ergriffen zu werden, sich wie sein Vater in einen Gebetmantel zu hüllen und in dem leidenschaftlichen Rhythmus des Gebetes sich zu wiegen, hatte auf die jungen Juden des Westens eine ähnliche Wirkung ausgeübt, wie die Schilderung des palästinensischen Lebens in Mapus „Ahawath Ziori" auf die Schüler der Jeschiboth im Osten. Henri Francks Judentum verknüpft sich ihm nun bewußt mit seinem Franzosentum. Aber er ist nicht mehr so naiv, wie einst Heine oder Hermann Cohen in Deutschland, wie Alexander Weill oder Darmestetter in Frankreich, diese zwei Quellen seines Lebens gleichsetzen zu wollen. Er empfindet ihre Verschiedenheit, er lebt in sich ihre Vielheit, er schöpft aus diesem Reichtum seines Seins, Jeder Doktrinarismus ist ihm fremd. Dazu ist er zu ehrlich. Aber er spürt die tiefere Verwurzlung des Jüdischen. Immer mehr entwickelt er sich dazu hin. Von seinem Krankenlager schreibt er einem Freunde von seinem Kummer, krank zu sein in einer Zeit, „wo es so interessant ist, gleichzeitig Professor, Jude und Franzose zu sein". Im August 1911 bittet er durch eine Karte vom Sanatorium in der Auvergne Andre Spire, ihm von dem Zionistenkongreß zu erzählen, dem sein Freund beigewohnt hatte. Und in einem seiner letzten Briefe, wo noch einmal trügerisch der Schein der Gesundung auftauchte, schrieb er an Spire: „Mir geht es gut, ich sehe schon so aus wie ein Goj". Nein, er sollte nicht so ausseihen. 3. Die Dichtung „La danse devant PArche" zerfällt in drei Teile. Im Tempel Jahves lebt der junge Levite völlig dem Dienste seines Gottes. Die gewaltigen Psalmen zum Lobe des Gotts der Väter erschüttern die Luft, aber sein Herz ist ruhig in dem sichern Dienste. Ein ungeheurer Stolz erfüllt ihn, daß seine Kindheit im Schatten des Tempels behütet aufwachsen konnte, daß er weise sein darf, daß er Gott dienen soll. Er fordert nur eines: noch