Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 356 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Samuel R a p p a p b r t: hoffnungsvoll. Man glaubt oft aus Augen und Miene des Zaddiks, während er das Kwittel überblickt, die Entscheidung über das Schicksal des Kranken lesen zu können. Die Mitteilung, daß der Blick des Zaddiks bei Durchsicht des Kwittels heiter gewesen, daß er im Gespräch sichtliches Interesse für den Kranken gezeigt und sichere Genesung in Aussicht gestellt habe, bewirkt eine Ermunterung des sorgenvollen Gemütes der Angehörigen und, was von nicht geringer positiver Bedeutung ist, es belebt und stärkt den Kranken, erfüllt sein Herz mit Zuversicht und erhöht in den meisten Fällen nicht unerheblich seine Widerstandskraft im Kampfe mit der in ihm wühlenden Krankheit. Glaubt jedoch der Hilfesuchende einen nicht gewöhnlichen Ernst und einen, wenn auch kaum merkbaren Ausdruck von Betrübtheit im Gesichte des Zaddiks zu lesen und gar wenn dieser. den Bittsteller nach kurzer Zeit abfertigt und der Segen bloß allgemein und nicht bestimmt ist, so z. B. wenn er lautet: Haschern jitbarech kann (statt, wie erwartet würde, wird) helfen", oder: „der Kranke braucht Rachmim", dann weiß man, daß der Zustand des Kranken sehr bedenklich, wenn nicht schon hoffnungslos sei. Natürlich wird eine solche unbestimmte, in ihrer eigentlichen Bedeutung jedoch negativ bestimmte Antwort nie dem Kranken selber, sondern jemandem, der in dessen Namen kommt, erteilt. Nur sehr selten, und wenn der Zaddik durch seine langjährige Erfahrung schon nach der ihm beschriebenen Art und Stadium der Krankheit die Oberzeugung gewonnen hat, daß der Zustand wenig Hoffnung auf Genesung zulasse, wird eine solche unbestimmte Antwort oder ein so zweideutiger Segen erteilt. Auch unterläßt es der Zaddik nie, wenn auch seine Worte zu allerlei Nachdenken Anlaß geben, dem Hilfesuchenden Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes sowie Mut einzuflößen. Viele und ganz besonders Frauen geben die Hoffnung auf die Rettung des Kranken nicht auf, auch wenn die Worte des Zaddiks noch so unbestimmt gelautet haben. Sie lassen nicht locker und bestürmen den Zaddik oftmals, das er sein Möglichstes für die Rettung des Kranken .tue und sich mit all seinem Einfluß für ihn im Himmel einsetze, zumal es doch bekannt ist, daß öfteres und eindringliches Beten eines Zaddiks im Himmel erhört werden müsse (Tr. Jumah 29 A). Nur mit Mühe gelingt es, oft nach hoffnungverheißendem Zureden von Seiten des Gabbai, die Jammernden zu beruhigen und zum Verlassen des Raumes zu bewegen. Von dem oben erwähnten „alten Zanser Zaddik", d. i. R. Chaim Halberstamm von Neu-Sandez (er war nicht nur Kabbaiist sondern auch ein berühmter Talmudgelehrter; er führte eine erbitterte Fehde gegen die Lebensweise der Zaddikimfamilie von Sadagora) wird erzählt, daß er durch die Zudringlichkeit mancher Bittsteller, die ihm eine bestimmte Zusage der ersehnten Genesung abzupressen versuchten, in eine derartige Erregung zu geraten pflegte, daß er in der Aufwallung ihnen mit dem langen Pfeifenrohr, das er in der Hand hielt, oder mit einem Stock Streiche austeilte. Dies aber eben hatten die Bittsteller sehnsüchtig ge-