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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 355

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
355 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 355 nicht die Mühe nimmt. Ueber Empfehlung von manchen Zaddikim wird, wenn es sich um eine Segullah für einen Kranken handelt, im Bethaus im Laufe des Jahres hinter oder auf der heiligen Lade nach einer solchen abgeklopften Hoschanah gesucht, und fast immer wird eine irgendwo versteckt oder zwischen Lade und Wand eingeklemmt gefunden. Diese Hoschanah, an der etwas Heiliges haftet, da mit ihr eine fromme Handlung ausgeführt wurde (die Kabbalah sonderlich mißt dem Akt des Abklopfens der Hoschanah sowie dieser selbst eine hohe Bedeutung zu), jwird nun in Wasser gekocht und das Wasser gegen viele Krankheiten als wirksame Segullah innerlich und äußerlich verwendet. Dieses Wasser wird als sog. Hoschanahwasser in kleineren Quantitäten einmal oder mehrmals eingenommen. Es soll sich auch bei schweren Geburten sehr gut bewähren. Vor kurzer Zeit erzählte mir ein Chassid von der wundertätigen Wirkung des Hoschanahwassers, die " * er selber an sich erlebt habe. Er habe nämlich längere Zeit an einer Paralyse des rechten Armes gelitten, da habe ein Zaddik, zu dem er sich um Rat und Segen begeben habe, empfohlen, ein Stück Leinen mit Hoschanahwasser zu befeuchten und um die kranke Hand zu wickeln; dies solle er so lange wiederholen, bis er die Hand werde bewegen können. Voller Zuversicht befolgte er den Rat des Zaddiks und in der Tat ging es ihm von Tag zu Tag besser, so daß er die Hand bald gut bewegen konnte. Es seien schon mehrere Jahre seither, und obzwar die Hand nicht vollkommen heil sei, bereite sie ihm weder Schmerzen noch "sei ^er in seinen Bewegungen irgendwie behindert. . Mitunter bekommt der Kranke vom Zaddik auch eine „Kmie", die unsichtbar am Herzen oder am Hals getragen wird. Nach wenigen Minuten ist die Audienz beim Zaddik zu Ende. Der Zaddik erteilt seinen Segen und gibt ein Zeichen, daß der folgende der fast itnmer zahlreichen, im Vorraum sehnsüchtig harrenden Bittsteller eintreten solle. Der Segen des Zaddiks ist, unter Berücksichtigung der Art der ihm vorgetragenen Bitten, zumeist im wesentlichen feststehend. Bei Kranken lautet er in der Regel: „Geh bzw. fahr beschulem (= beschalom d. h. in Frieden) nach Hause (der Zaddik spricht fast immer die zu ihm kommenden mit Du an). Haschern Jisburach (= Haschern jitbarech d. h. der Name — Gottes — gesegnet sei Er) wird schon helfen". Mitunter fügt er noch hinzu: Du wirst bezw. — wenn der Kranke nicht persönlich anwesend ist — der Kranke wird im jirzeh Haschern (= wenn Gott will) haben eine Refuah schelemah" (= volle Genesung). Voller Bangigkeit steht der Hilfesuchende, zumal wenn es sich um Segen und Fürbitte für einen Kranken handelt, vor dem Zaddik. Der gläubige Ghassid, Mann oder Frau, glaubt aus des Zaddiks Mienen, aus dem Tenor seiner Worte wie aus seinem Gesichtsausdruck entnehmen zu können, ob viel Hoffnung auf Genesung vorhanden ist oder nicht. Ist der Gesichtsausdruck des Zaddiks ein heiterer und ist der Segen bestimmt und dezidiert, dann ist man von der Wiedergenesung des Kranken überzeugt oder wenigstens

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