Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 354 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Samuel Rappaport: Tradition oder jahrelange Erfahrung auf Heilmittel und Heilmethoden versteht, was bei vielen der Fall ist, empfiehlt er solche oder läßt dem Arzt sagen, daß er solche in Anwendung bringen könne, welchen Anordnungen die meisten Ärzte, wenn sie sie nur nicht für schädlich halten, Folge leisten, im wohlverstandenen eigenen Interesse, ad captationem benevolentiae des Zaddiks, wie um den Kranken zu beruhigen. Bei solcher Gelegenheit werden auch von manchen Zaddikim gewisse erprobte fromme und profane Segullot, auch bewährte Ärzte oder auch Heilbäder empfohlen. Manche Zaddikim geben oder schicken den Kranken als Segullah Zuckerwerk, Mandeln oder gar ein Stück Honigkuchen, die nach erteilter Weisung unter gewissen Formalitäten und zu einer bestimmten Zeit eingenommen werden. In weihevoller und zuversichtlicher Stimmung nehmen die Kranken diese Segullot zu sich, überzeugt, daß sie, geheiligt und gesegnet durch das Gebet des Zaddik, ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Ein greiser Chassid erzählte mir, er selber sei Zeuge gewesen, wie der berühmte Zaddik R. Chaim Halberstamm (st. 1876) von Neu-Sandez einem Schwerkranken, der an Schlaflosigkeit litt, die kein Arzt beheben konnte und durch die er-schon dem Tode nahe war, ein Stück Honigkuchen geschickt habe mit der Weisung, man solle es unter das Kissen des Kranken legen. Kaum hätte man dies getan, als der Kranke in einen langen tiefen Schlaf gefallen sei, aus dem er mit merklicher Besserung erwachte. In der Folge soll der Kranke wieder den normalen Schlaf erlangt haben und nach kurzer Zeit vollkommen genesen sein. Das vom Zaddik übersandte Stück Honigkuchen behielt der Geheilte während seines ganzen Lebens unter seinem Kissen in der Überzeugung, daß ihn der Schlaf sonst wieder fliehen würde. Viele Zaddikim empfehlen bei verschiedenartigen Krankheiten das sog. „Hoschanah-Wasser". Bekanntlich wird nach alter jüdischer Tradition am siebenten Tage des Sukkotfestes bei den traditionellen Bittgebeten, den sog. „Hoschanot", ein Weidenbündel bestehend aus kleinen 3—5 frisch geschnittenen Weidenruten, sog. „Hoschanah", in die Hand genommen und hierauf am Fußboden des Bethauses einige Mal abgeklopft, was in der Tradition „Chibbut arabah* d. h. „das Abklopfen der Weidenrute" genannt wird. Da jedoch diese „Hoschanah" beim Gottesdienst in Anwendung war und es untunlich wäre sie zu profanen Zwecken zu benutzen, wird sie im Osten überall nach dem Abklopfen auf und über die Bundeslade geworfen (Tr. Sukkah 44 B 55 A). Der Synagogendiener sammelt gewöhnlich diese umhergeworfenen abgeklopften Hoschanot und verbrennt sie. (Manche bewahren ihre eigenen abgeschlagenen Hoschanot bis zur Zeit der Rüstarbeiten zum Pessachfeste. Sie werfen sie dann morgens in den Backofen zum ersten Feuer, an dessen Flamme die Mazdot gebacken werden, um dadurch gewissermaßen einen Gegenstand einer frommen Handlung aus der Zeit des Sukotfestes mit einer solchen des Pessachfestes, nämlich dem Backen der Mazzott, in Verbindung zu bringen.) Es bleiben aber noch immer welche hinter der heiligen Lade zurück, die der Synagogendiener mit oder ohne Absicht beim Aufräumen hervorzuholen sich