Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 353 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 353 Polen, einige bemittelte Zaddikim den Pidjon bloß von reichen ihnen nahestehenden angesehenen Chassidim entgegen zu nehmen; die sonstigen Besucher überreichen ihnen bloß das Kwittel ohne Pidjon. Doch ist die Zahl dieser Zaddikim nur stets gering. In der Regel gehört zum Kwittel auch ein Pidjon. Mit Kwittel und Pidjon in der Hand erscheint der Hilfesuchende vor dem Zaddik. Kwittel und Pidjon werden dem Zaddik überreicht Frauen legen beides auf den Tisch. Ein Chassid, geschweige denn ein Zaddik wird nie unmittelbar einen Gegenstand aus der Hand einer fremden Frau nehmen, damit er sie — aus Keuschheitsgründen — nicht berühre (Proverbia 11.21 Tr. Brachot 61A). Eine Frau bleibt dann stets in einer kleinen Entfernung vor dem Zaddik stehen, nachdem sie Kwittel und Pidjon auf den Tisch gelegt hat; dagegen nähert sich ein Mann bald nach seinem Eintritt ins Zimmer dem Zaddik und dieser reicht ihm die Hand zum üblichen ^Schalom Aleiehem", was er mit „Aleiehem Schalom" erwidert Im Osten nennt man dies „Schülern (Schalom) nehmen". Sooft ein Chassid vor einem Zaddik erscheint, ist das „Schülern nehmen" das erste, da in dem Gruß des Zaddiks schon sozusagen sein Segen enthalten ist. Auch wenn unter Umständen keine Zeit und Möglichkeit vorhanden ist, dem Zaddik Kwittel und Pidjon zu überreichen und ihm die Bitte vorzubringen, ist das Handreichen und „Schülern nehmen* für sich Zweck genug, um Mühe und Zeit dafür zu verwenden. Noch heute kann man im Osten auf Bahnhöfen, auf größeren Stationen, auf denen ein Zug sich einige Minute aufhält, wenn ein Zaddik sich im Zuge befindet, stets große Mengen Chassidim versammelt sehen, von denen jeder sich zum Wagenfenster, an dem der Zaddik steht, oft mit großer Mühe durchzudrängen sucht, um beim Zaddik „Schalom" zu nehmen. Die Vorbeifahrt des Zaddik wird früher Überallhin auf telegraphischem oder brieflichem Wege bekannt gegeben, worauf die Menge sich am Bahnhof einfindet. Der Zaddik steht dann am offenen Fenster, damit die Getreuen die Möglichkeit haben, seine Hand zum „Schalom" zu fassen. Oft kommen „Chassidim" von entlegenen Städten herbei, bloß um den Blick des Zaddik und ein Schalom von ihm zu erhaschen. Nachdem dem Zaddik Kwittel und Pidjon «— beide zusammen — überreicht bezw. auf den Tisch gelegt werden, und er sie mit der Hand berührt und dadurch gewissermasen dieJNizzuzim des Eigentümers des Pidjon in sich aufgenommen und sich mit ihm vereint hat, schiebt er den Pidjon zur Seite zu den schon früher eingelangten und durchfliegt schnell den Inhalt des Kwittels. In ganz besonderen Fällen dauert die Lektüre, des Kwittels etwas länger als gewöhnlich, was allgemein besonders auffällt und dahin aufgefaßt wird, daß der Fall die ganz besondere'Aufmerksamkeit des Zaddiks aus irgendwelchen, nur ihm allein offenbaren Gründen, auf sich lenkt Handelt es sich um einen,Kranken, dann erkundigt er sich in der Regel nach Dauer und Art der Krankheit, sowie mitunter auch nach dem behandelnden Arzt und den angewandten Heilmitteln. Insofern der Zaddik sich selber durch