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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 352

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1921-01-01
Page
352 (sequence 7)
Language
German
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352 Samuel Rappaport: zweckentsprechend ist und als Pidjon dieselbe Wirkung und Bedeutung hat wie die großen Summen des Reichen. Wie gesagt, auf die Höhe des Betrages kommt es beim Pidjon nicht an, nur muß immer irgend ein Geldbetrag als Pidjon mitsamt dem Kwittel dem Zaddik überreicht werden, da sonst Segen und Fürbitte des Zaddiks nicht von gehöriger Wirkung sein würden. Der „Pidjon* ist in der gewöhnlichen Wertung eine Art der wohlangebrachten und verständnisvollen Zeddakah. Ist doch der Zaddik bei seinen Anhängern das Symbol der Frömmigkeit, Gottesfürchtigkeit und Tugend und gibt es wohl kaum eine angemessenere Zeddakah, als einen solchen Mann zu unterstützen und ihm den Lebensunterhalt zu ermöglichen. Ein berühmter Zaddik soll einmal während des Gebetes gerufen haben: „Herr der Welt! Ich selber bin.nicht wert, daß Du mein Gebet erhörst und meinetwegen das Verlangen meiner Bittsteller erfüllst. Ich bin aber ihr bezahlter Bote und Überbringer ihrer Wünsche. Durch den von ihnen erhaltenen Botenlohn erhalte ich mich und mein Haus, und schon * dadurch, daß sie eine arme jüdische Familie erhalten, sind sie würdig, daß Du ihre Wünsche erfüllst." Wenn der Zaddik selbst nicht bedürftig ist, verwendet er immer den Pidjon für gute und fromme Zwecke. * Der Pidjon bedeutet übrigens auch im gewissen Sinn ein Symbol der einstigen im Tempel zu Jerusalem dargebrachten Opfer. Nachdem der Tempel zerstört und kein Opferkultus mehr vorhanden ist, soll der Pidjon das dem Priester übergebene für den Altar bestimmte Opfer ersetzen. Heißt es doch schon im Talmud: „Wer (nach der Zerstörung des Tempels) Wein am Altare . opfern will, der beschenke die Gelehrten mit Wein" (wörtlich: „der fülle den Hals der Gelehrten mit Wein") (Tr. Jumah 71A). Eine höhere kabbalistisch-chassidische Auffassung gibt dem Wesen des Pidjon eine mystische Bedeutung. Der Pidjon soll gewissermaßen die Seele des Bittstellers mit der des Zaddiks vereinen und diese soll in jener ergänzen, was ihr zur Vervollkommnung fehlt. Dem materiellen Besitz wohnen nämlich gewisse individuelle Ausstrahlungen, sog. Nizzuzim (Funken), seines Eigentümers inne. Durch Übergabe eines Teils des Besitzes, in diesem Falle des Pidjon in Form von Geld, als dem reinsten Ausdruck des materiellen Besitzes, vereinigen sich nun die Nizzuzim des Eigentümers der Pidjon mit der Seele des Zaddiks. Durch diesen Prozeß der Vereinigung entsteht gewissermaßen eine innere Verschmelzung der Seele des Gebenden mit der des Zaddiks zu einer vollkommenen Einheit. Das der Seele des Pidjongebers Fehlende findet durch diese Verbindung seine Ergänzung in der des Zaddiks.:•■. Die Persönlichkeit des Zaddiks wird in höherem Sinn mit der des Pidjongebenden identisch. Der Zaddik ist somit nun nicht mehr die Mittelperson zwischen Gott und dem Hilfesuchenden, sondern dieser selber. Nachdem nun der Zaddik, nach Entgegennahme des Pidjon, für den Hilfesuchenden betet, betet er damit gleichsam für sich, und ein Gebet, das ein Zaddik für sich selbst zum Himmel emporsteigen läßt, wird Gott gewiß nicht unerhört lassen. In neuerer Zeit pflegen, ganz besonders im früheren Russisch-

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