Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 351 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden gjl wenige Kranke durch sein Gebet geheilt habe. Es erscheint übrigens auch dem nichtchassidischen Volke klar und einleuchtend, daß der Segen eines solchen, dem Weltgetriebe persönlich fernstehenden und nur Gott und der Erfüllung Seiner heiligen Gebote ergebenen, durch ungemeine Frömmigkeit und höhere Erkenntnis erleuchteten Mannes nicht ohne Wirkung bleiben könne. Bald nach der Erkrankung eines Familienangehörigen verständigt der Chassid den Zaddik, zu dessen Anhängern er gehört, und bittet um, Segen und Fürsprache im Himmel für den Kranken. Das Anrufen des Zaddiks erfolgt ausschließlich und ausnahmslos mittels des sog. „Kwittels" und „Pidjon". Das „Kwittel", d. i; die Bittschrift, hat zumeist die Form eines kleinen Zettels — etwa Jju Bogen — und ist in der Regel von knappem und typenhaft feststehendem Inhalt, angepaßt dem Verlangen des Bittstellers. ,. Das Kwittel ist immer in hebräischer Sprache abgefaßt und lautet gewöhnlich: „X (Sohn bezw. Tochter) der Y (Name der Mutter) bittet um.......", hier folgt der Inhalt des Petitums in wenigen aber klaren Worten. Sucht z. B. ein Vater oder eine Mutter einen passenden Bräutigam für die Tochter oder Braut für den Sohn, dann wird'um Segen bei der Wahl gebeten, daß der richtige von Gott bestimmte „Siwug" (Ehehälfte) alsbald gefunden werde. Kinderlose bitten um einen männlichen gottesfürchtigen Nachkommen. Kaufleute erbitten Segen für die .abgeschlossenen oder abzuschließenden Geschäfte usw. Es gibt manche Chassidim, die nicht stark genug im Glauben zu sein meinen und die vom Zaddik nichts Materielles, sondern Stärkung im „Jirat Schamajim", das ist in der Gottesfurcht erflehen usw. Im Kwittel für einen Kranken wird gewöhnlich um: „Refuah schelemah min haschamajim, refuat ha-nefesch urfuat ha-guf" d. h. um „vollständige Genesung vom Himmel, Genesung der Seele und Genesung des Körpers" gebeten. Mitunter wird noch überdies der Dauer und der Art der Krankheit in wenigen Worten im Kwittel Erwähnung getan. Das Kwittel schreibt in der Regel der „Gabbai", d. i. der Sekretär des Zaddiks, im Vorraum des Empfangszimmers, s wofür er von den Bittstellern, je nach deren Vermögensverhältnissen, entlohnt wird, was auch zumeist die Haupteinnahmequelle für seine Erhaltung bildet. Eine reichliche Entlohnung für das Abfassen des Kwittels bewirkt auch oft, däß der Bittsteller außer der Reihe vor das Angesicht des Zaddiks vorgelassen wird. Der unerläßliche Begleiter des Kwittels ist der „Pidjon Nefesch" oder »Pidjon" (Lösegeld), wie er kurzweg genannt wird.. Der Pidjon ist ein Geldbetrag, der gleichzeitig mit dem Kwittel dem Zaddik überreicht wird. Auf die Höhe des Betrages kommt es hierbei nicht an. Bei reichen Bittstellern bildet der Pidjon oft einen namhaften Betrag; insbesondere wenn es sich um Dank für gelungene größere Geschäftsabschlüsse, oder Genesung eines Schwerkranken, oder um die Geburt eines heißersehnten Sprößlings handelt usw. Bei Armen jedoch stellt der Pidjon oft einen verhältnismäßig geringen Geldbetrag oder manchmal gar eine kleine Münze dar, die ebenso